Woran starb René Descartes?


So was hatten wir schonmal: Ein großer Wissenschaftler soll Opfer eines Verbrechens geworden sein, was wir aber erst heute, also Jahrhunderte später herausfinden. In dem Buch Der Fall Kepler war der Astronom Tycho Brahe das Opfer und sein Mitarbeiter Johannes Kepler der angebliche Täter. Sein Motiv sollen die Beobachtungsdaten Brahes gewesen sein, die Kepler für seine weitere Arbeit dringend benötigte. Im Falle von René Decartes ging es wohl eher darum, ihn zum Schweigen zu bringen. Sein aufgeklärter Rationalismus stellte eine Gefahr für die Klerikalen dar. So verstehe ich jedenfalls Theodor Ebert, der in seinem Buch Der rätselhafte Tod des René Descartes den Fall nochmals aufrollt.

Dem Humanistischen Pressedienst (hpd) stand der Buchautor Theodor Ebert Rede und Antwort. Das Interview gebe ich hier ungekürzt wieder:

hpd: Dass ein Kriminalfall nach 30 Jahren neu aufgerollt wird, haben wir vor wenigen Wochen wieder einmal erlebt. Aber welche Möglichkeiten zur Aufklärung einer Tat bestehen denn, wenn das mutmaßliche Verbrechen über 350 Jahre zurück liegt?

Theodor Ebert: Die Möglichkeit zur Aufklärung hängt im untersuchten Fall so gut wie ausschließlich von den zur Verfügung stehenden Quellen ab. Was diesen Fall angeht, so verfügen wir glücklicherweise über eine Reihe von Dokumenten sowohl zum Krankheitsverlauf wie auch zur Einstellung und zur Rolle des vermutlichen Mörders. Durch eine Zusammenführung dieser Zeugnisse ergibt sich ein Bild, das einen Giftmord an Descartes in sehr hohem Maße wahrscheinlich, um nicht zu sagen, fast sicher macht.

hpd: Allerdings spricht gegen die These einer Ermordung Descartes’, dass sämtliche Zeugen aus dieser Zeit, einschließlich des Briefautors Johann van Wullen und des ersten Descartes-Biographen Adrien Baillet, von einem natürlichen Tod ausgehen...

Theodor Ebert: Es war für die Personen in Descartes’ unmittelbarer Umgebung, aber auch für Adrien Baillet, der vierzig Jahre nach dem Tode Descartes’ eine sehr faktenreiche Biographie verfasst, kaum möglich, eine Ermordung Descartes’ zu behaupten. In Stockholm hätte eine solche Behauptung sowohl für den französischen Botschafter Chanut, bei dem Descartes Wohnung genommen hatte, als auch für den schwedischen Hof, an den Descartes von der Königin Christina eingeladen worden war, zu einem unglaublichen Skandal geführt. Und wer eine solche These aufgestellt hätte, würde sich möglicherweise um seine Stellung, vielleicht auch um Kopf und Kragen gebracht haben. Schließlich war eine Tötung durch Arsenik ohne ein Geständnis des Mörders damals ohnehin nicht zu beweisen. Den Personen, die am Hof Christinas tätig waren, fehlten im Jahre 1650 überdies Kenntnisse zu Umständen, die für das Motiv des vermutlichen Mörders aufschlussreich sind. Charakteristisch ist die Bemerkung eines der Philologen am schwedischen Hof: „Auf welche Weise er“ – also René Descartes – „zu Tode gekommen ist, das ist hier wirklich ein Rätsel.“ Diese Personen konnten allenfalls von der Vermutung einer Vergiftung berichten und haben das auch getan. Was Baillet angeht, so ist er zwar im Besitz von Kenntnissen, welche den Gelehrten an Christinas Hof im Jahre 1650 noch nicht zur Verfügung standen, aber er kann gerade wegen der Person, die er wohl verdächtigt – es handelt sich immerhin um einen katholischen Geistlichen – im Frankreich Ludwigs XIV. einen konkreten Tatverdacht nicht äußern. Bestimmte Reaktionen auf seine Darstellung lassen aber erkennen, dass seine Zeitgenossen hinter der Darstellung eines natürlichen Todes durch Lungenentzündung hier durchaus die Geschichte eines nicht natürlichen Todes gelesen haben.

hpd: Was steht denn nun „zwischen den Zeilen“ der uns heute vorliegenden Berichte über Krankheit und Tod René Descartes’?

Theodor Ebert: Die wichtigste Information ist die Mitteilung durch den Arzt Johann van Wullen, dass Descartes, der über medizinische Kenntnisse verfügte, während seiner Krankheit ein Brechmittel verlangt. Bei einer Lungenentzündung oder einer anderen Erkrankung des Brustraumes wäre das kaum eine angezeigte medizinische Maßnahme – wohl aber bei einer Vergiftung. Auch die berichteten Symptome sowohl in dem Brief des Arztes van Wullen als auch in dem Bericht, den Descartes’ Kammerdiener und Sekretär Heinrich Schlüter verfasst, stimmen mit den Symptomen einer Arsenikvergiftung überein. Beide Dokumente sind übrigens einen Tag nach dem Tod aufgezeichnet worden.

hpd: Das klingt durchaus plausibel. Bei der Suche nach dem Mörder sind Sie allerdings in stärkerem Maße auf Vermutungen, die sich heute kaum mehr belegen lassen dürften, angewiesen. Was gibt Ihnen die Sicherheit, mit Ihrer These richtig zu liegen?

Theodor Ebert: In der Tat hat man es hier nicht mehr mit Berichten über beobachtete Symptome und über das Verhalten und die Äußerungen des Kranken selbst zu tun. Hier geht es vielmehr um Zeugnisse, die großenteils nicht unmittelbar nach der Krankheit entstanden sind, sondern oft Jahre, zum Teil auch erst Jahrzehnte später. Jedes dieser Dokumente für sich genommen würde für einen begründeten Verdacht nicht ausreichen, aber in ihrer Summe ergeben sie doch einen starken Verdacht, der über bloße Vermutungen hinausgeht. Anzumerken ist an dieser Stelle natürlich auch, dass ein Teil der einschlägigen Zeugnisse erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts publiziert worden ist und dass sie nicht gerade im Focus der akademischen Descartes-Forschung standen, weil es sich um kirchengeschichtliche Texte, um Protokolle der päpstlichen Kongregation Pro propaganda fide, handelt.

hpd: Und was wäre in Ihren Augen eine akzeptable Widerlegung Ihrer These?

Theodor Ebert:
Widerlegt wäre die These, soweit es sich um die Symptomatik der Erkrankung handelt, wenn sich das Krankheitsbild plausibel als durch natürliche Einflüsse verursacht erklären ließe, wenn man insbesondere eine Vergiftung sicher ausschließen könnte. Widerlegt wäre die These, was den vermuteten Mörder angeht, wenn sich für das Verhalten des Verdächtigen selbst wie auch das seiner sozialen Umgebung ihm gegenüber, etwa durch bislang nicht bekannte (oder von mir nicht berücksichtigte) Dokumente, eine plausible alternative Erklärung finden ließe.

hpd: Nun ist die Auffassung, René Descartes sei vergiftet worden, ja nicht völlig neu. Vor rund 15 Jahren hat Eike Pies denselben Verdacht bereits in einem Buch vorgetragen. Damals haben sich zwar die Medien der Sache angenommen, in Fachkreisen scheint die Veröffentlichung aber keine große Wirkung hinterlassen zu haben. In den einschlägigen Biographien ist nach wie vor von einer Lungenentzündung als Todesursache zu lesen. Warum ist das so?

Theodor Ebert: Dass die akademische Descartes-Forschung sich mit der These von Pies nicht auseinandergesetzt hat, dürfte mehrere Gründe haben. In erster Linie den Umstand, dass Pies sich für den Entdecker des Briefes von van Wullen hält, obwohl dieser Brief unter anderem bereits in der großen Descartes-Ausgabe von Charles Adam und Paul Tannery publiziert war. Allerdings würde dieser archivalische Irrtum es noch nicht rechtfertigen, die davon ja unabhängige medizinische Interpretation dieses Textes durch Eike Pies zu ignorieren. Dafür könnte der Umstand mitverantwortlich sein, dass Pies bei der Transkription des Textes von van Wullen ebenfalls Fehler unterlaufen sind, und dass das Buch auch sonst eine Reihe von Ungenauigkeiten und unkorrekten Angaben aufweist. Schließlich der Umstand, dass Pies andere Zeugnisse praktisch nicht berücksichtigt. Allerdings ist die These, dass Descartes ermordet wurde, für die eher hagiographische und im Übrigen stark durch katholische Forscher bestimmte französische Descartes-Forschung auch ein ziemlich harter Brocken. ist allerdings auch, dass eine vergleichende Analyse der Dokumente zu Krankheit und Tod Descartes’ in der offiziellen Descartes-Forschung meines Wissens bisher nie vorgenommen worden ist.

hpd: Nehmen wir an, Sie haben Recht und Descartes wurde vergiftet: Welche Bedeutung hätte das für die Philosophiegeschichte?

Theodor Ebert: In negativer Hinsicht einfach die triviale Bedeutung, dass Descartes’ früher Tod mit 56 Jahren ihn an der Abfassung weiterer Werke gehindert hat. Die meisten der bekannten Philosophen seiner Zeit, die eine ähnlich robuste Gesundheit hatten, erreichen ein höheres Alter: Thomas Hobbes wurde 91, Galilei 77, Gassendi 63, Leibniz 70 Jahre. Spinoza und Pascal sind wegen ihrer kränklichen Konstitution nur scheinbare Ausnahmen. Allerdings würde sich an der Interpretation der zu Lebzeiten Descartes’ wie auch der postum erschienenen Werke selbst dadurch gar nichts ändern. Etwas anders sieht die Sache aus, wenn eine bloße, aber durch bestimmte Umstände nahegelegte Vermutung sich bestätigen ließe, die ich am Ende in einem Postskript vorbringe: Danach hätte der vermutliche Mörder des französischen Philosophen den Anstoß dazu gegeben, dass Descartes auf den „Index der verbotenen Bücher“ kam, also von Katholiken nicht mehr ohne weiteres gelesen werden durfte. Denn mit dieser Zensurmaßnahme war zumindest für die Länder Europas, die durch die katholische Gegenreformation geprägt waren, der Einfluss der cartesianischen Philosophie eingeschränkt, und das ist für die Philosophiegeschichte natürlich von Bedeutung. Aber diese Vermutung bedürfte noch einer genaueren Überprüfung an Archivmaterialien unter anderem in Italien.

Quelle:  Humanistischer Pressedienst (hpd.de). Das Interview führte Martin Bauer.

Mondgezwischer

Ich gebe zu, ich weiß bis heute noch nicht, wozu Twitter eigentlich gut ist. Eine Stärke dieses Internetdienstes ist es wohl, viele Menschen schnell und unkompliziert für kurze Zeit zusammenzubringen, um über ein Thema zu diskutieren. Heute soll das der Mond sein. Im Rahmen des Internationalen Astronomiejahrs schauen wir alle gleichzeitig zum Mond und tauschen uns via Twitter darüber aus. Natürlich können hierzu Amateurastronomen auch ihre Aufnahmen vorführen. Wann? Heute Nacht! Wie? Indem man auf Twitter @astronomy2009uk und @NewburyAS folgt. So habe ich das hier zumindest verstanden.

Wie der schicke Trailer unten zeigt, soll das Ganze dann wiederholt werden, wenn der Meteorschauer der Geminiden seinen Höhepunkt erreicht. Ich werde mir das jedenfalls mal anschauen, es wäre doch gelacht, wenn sich nicht eine sinnvolle Verwendungsmöglichekit für Twitter finden liese.



Übrigens ist der heutige Abend gut gewählt, geben sich doch der Halbmond und der Riesenplanet Jupiter ein schönes Stelldichein am Himmel.

Kosmischer Kalender - zwei Linktipps


Wie Carolin in Ein Galaxienhaufen ganz weit weg gerade geschrieben hat, gehört es zu den erstaunlichen Dingen in der Astronomie, dass ein Blick weit weg auch immer ein Blick weit zurück ist. Dieses Phänomen setzt Michael Benson in seinen Buch Far out- A Space-Time Chronicle in Szene. Vermutlich als Appetitanreger zu diesem Buch ist auf der Seite von seedmagazine.com eine sehr schöne Bildstrecke zu sehen: seedmagazine.com/farout. Wer sich da durchklickt reist ganz ohne Warp-Antrieb von den Plejaden bis zum Herkules-Galaxienhaufen.

Mit seinen 500 Million Lichtjahren Entfernung ist dieser Galaxienhaufen bei weitem nicht das entfernteste Objekt. Wir können grundsätzlich die Himmelskörper sehen, deren Lichtstrahlen seit Entstehung des Universums genügend Zeit hatten, uns zu erreichen. Dieses beobachtbare Universum ist rund 14 Milliarden Lichtjahre groß, wenn man für das Alter des Universums 14 Milliarden Jahre ansetzt. Um sich diese 14 Milliarden Jahre vorstellen zu können, kann man sie gedanklich auf ein Jahr projizieren. Der Urknall findet also am ersten Januar statt, während wir uns jetzt am 31. Dezember befinden. Ein Monat auf diesem Kalender entspricht also etwas mehr als eine Milliarde Jahre.
Dann wäre es so, dass im Februar unsere Milchstraße entsteht, Anfang September unser Sonnensystem und gegen Ende September das Leben auf der Erde. Dieses tut aber erstmal nicht viel, bis es am 17. Dezember zur sogenannten Kambrischen Explosion kommt.
Die Dinosaurier entstehen am zweiten Weihnachtsfeiertag, um am 30. Dezember wieder zu verschwinden. Hominiden gibt es immerhin schon um 21:00 Uhr am 31.12, während der moderne Mensch erst zwei Minuten vor Mitternacht entsteht, um eine Sekunde vor Jahresende zu erkennen, dass die Erde um die Sonne kreist.

Viel detaillierter ausgeschmückt findet man diesen kosmischen Kalender auf der Seite The Cosmic Timeline, inklusive diesem Bild, das wohl auf den berühmten Erklärmeister Carl Sagan zurückgeht.
Viel Spaß mit diesen Linktipps und der Reise durch Raum und Zeit.

Ein Galaxienhaufen ganz weit weg

Je weiter wir in das Weltall hinausschauen, desto tiefer dringen wir auch in die Vergangenheit vor, schließlich braucht das Licht ferner Galaxien seine Zeit um überhaupt erstmal zu uns zu kommen. Unendlich weit schaffen wir es aber nicht zurück: zum einen weil die entfernten Objekte immer lichtschwächer werden, zum anderen weil wir uns irgendwann der Grenze nähern, die durch das Alter des Universums vorgegeben ist. Das älteste Signal, das wir so messen können, ist die 3K-Hintergrundstrahlung. Vor ihrer Entstehung war das Universum undurchsichtig.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Universum aber schon Strukturen gebildet, wie uns die Karten des WMAP-Satelliten zeigen (demnächst nochmal besser aufgelöst mit Planck): Die Materie verklumpte sich, aus diesen großen Massenansammlungen sollten sich später Galaxienhaufen voller Galaxien bilden, in denen wiederum jede Menge Sterne enthalten sind.

Kombinierte Darstellung des Galaxienhaufens JKCS041: Dem optischen Bild ist in Blau das Leuchten des heißen intergalaktischen Gases im Röntgenlicht überlagert. Image Credit: X-ray: NASA/CXC/INAF/S.Andreon et al Optical: DSS; ESO/VLT

Den bislang ältesten und damit auch am weitesten entfernten fertigen Galaxienhaufen JKCS041 hat man nun mit dem Very Large Telescope und dem Chandra-Röntgensatelliten aufs Korn genommen: Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung im Jahr 2006 war man sich nämlich noch nicht so sicher, ob es sich bei JKCS041 wirklich schon um einen richtigen Galaxienhaufen handelte, oder ob er erst im Entstehen begriffen ist. Die VLT-Aufnahmen haben nun gezeigt: Der Haufen enthält schon einzelne Galaxien, während Chandra das heiße Röntgengas dazwischen nachweisen konnte.

Die Atmosphären extrasolarer Planeten

Vor wenigen Tagen gab die Europäische Südsternwarte ESO auf einen Schlag die Entdeckung von 32 extrasolaren Planeten bekannt, allesamt gefunden mithilfe des HARPS-Spektrographen am 3.6m-Teleskop auf La Silla. Damit hat die Zahl der bekannten Exoplaneten die 400er-Marke überschritten. Noch immer ist die Radialgeschwindigkeitsmethode, bei der die Planeten indirekt durch Dopplerverschiebungen von Linien in den Spektren ihrer Muttersterne nachgewiesen werden, bei der Planetensuche am erfolgreichsten, ganze 379 Planeten in 320 Systemen hat man inzwischen damit beobachtet. Auf Rang zwei mit 62 Planeten folgt die Transitmethode, bei der das Licht des Sterns leicht abgedunkelt wird, wenn der Planet vorbeizieht - Tendenz steigend, dank der Satellitenmissionen Kepler und CoRoT. Es folgt die direkte Abbildung mit derzeit 11 Planeten in 9 Systemen, auch eine Methode die stark im Kommen ist.

Planeten, die mit der Transitmethode entdeckt werden, lassen sich im Normalfall auch mit der Radialgeschwindigkeitsmethode detektieren, umgekehrt ist das nicht der Fall, denn damit sich Planet und Stern gegenseitig bedecken müssen die beiden ja auf derselben Sehlinie zu uns stehen. Aus den Transits oder aus Beobachtungen bei denen der Planet direkt beobachtet wird, lernt man aber viel mehr über die fernen Planeten als bei den einfachen Radialgeschwindigkeitsmessungen, wo man zusätzlich zur Umlaufdauer nur eine Obergrenze für die Masse herausbekommt. Bei einer Bedeckung dagegen ist die Masse festgelegt, und die Form der Lichtkurven verrät Größe und Bahnform des Planeten. Untersucht man bei einem direkt beobachteten Planeten die gemessene Helligkeit, erfährt man seine Oberflächentemperatur. Aus dem Spektrum eines Planeten lernt man zusätzlich etwas über die chemische Zusammensetzung seiner Atmosphäre.

Artist's Impression eines Hot Jupiters. Image Credit NASA/JPL-Caltech/T. Pyle (SSC)

Mit einem einfachen Trick kann das auch bei den Transitplaneten machen, die man nicht direkt sieht: Man vergleicht zwei Spektren des Sterns, einmal während der Planet von uns aus gesehen dahinter steht und kein Licht von ihm zu kommen kann und einmal wenn Stern und Planet nebeneinander stehen. Aus der Differenz ergibt sich das Spektrum des Planeten. Diese Methode hat man jetzt zum zweiten Mal erfolgreich angewandt. Bei beiden untersuchten Planeten - sie hören auf die Namen HD 189733b und HD 209458b - fand sich Wasserdampf, Kohlendioxid und Methan. gerade organische Moleküle wie Methan sind für die Astrobiologen interessant, die erforschen wie es mit der Entstehung von Leben auf solchen Planeten bestellt ist. Ganz anders als das Leben wie wir es kennen, dürfte es aber wohl schon geraten, immerhin sind beide Planeten sogenannte Hot Jupiters, große Gasplaneten, die sehr nahe an ihrem Mutterstern stehen und dabei stark aufgeheizt werden.

Flug 600 und Rollout zur Premiere

Mercury, Gemini, Pioneer, Surveyor, Mariner, New Horizons, MRO und LRO (r.) – die Liste ist lang. Nicht unendlich, aber immerhin umfasst sie 600 Einträge: die Liste der Starts von Atlas-Raketen.

Ursprünglich im Kalten Krieg als Interkontinentalraketen für Nuklearwaffen entwickelt (l.), avancierte die Atlas bald zum Arbeitstier für das US-Raumfahrtprogramm. Mit ihren Agena- und später den Centaur-Oberstufen waren sie ständig in Cape Canaveral und der Vandenberg Air Force Base zu sehen.

Warum der gestrige Jubiläumsflug nicht an die große Glocke gehängt wurde liegt hauptsächlich daran, dass die Fracht in einem Wettersatelliten des US-Verteidigungsministeriums bestand. Ein Ehrenfeuerwerk gab es allerdings trotzdem: Die Centaur-Oberstufe verfügte wohl über genug Resttreibstoff, um der Flugleitung ein Experiment zu ermöglichen – eine neuerliche Zündung von 3 Minuten 40 Sekunden. Dies führte zu einem UFO-Alarm in Westeuropa, Details und Links sind bei Jan Hattenbach in den Kosmologs nachzulesen.

Unterdessen steht die nächste Generation kurz vor dem Jungfernflug: Mit einem Tag Verspätung erfolgt am morgigen Dienstag der Rollout der Ares-I-X zur Startrampe 39B des Kennedy Space Center in Florida. Der siebenstündige Transfer wird auf NASA-TV übertragen. Unweit des Launch Pads steht bereits die Raumfähre Atlantis auf Rampe 39A und wartet auf den Beginn ihrer Mission am 12. November.

Nicht nur deshalb steht der Ares-Flug am 31. Oktober in der Kritik, könnte doch bei einem Fehlschlag die Atlantis Beschädigungen davon tragen. Davon abgesehen entsprechen die Flugspezifikationen nicht den tatsächlichen Einsatzprofilen und die Flugsoftware ist nicht die endgültige, sondern eine modifizierte Version derjenigen der Atlas-V.

Sollte der Flug erfolgreich verlaufen, wird es noch eine Weile dauern – die nächsten Starts, dann teilweise auch mit Orion-Kapseln an der Spitze, werden erst in 2012 angesetzt. Wie viele Atlas-Raketen bis dahin abheben, lässt sich nur schätzen.

[Quellen: NASA / NASAspaceflight.com / balkonsternwarte.de]

Aufstieg und Ausstieg: Von Raumsonden und Kosmonauten

Langsam aber stetig begreift die Menschheit das ganze Sonnensystem als Heimat. Wenn wir auch noch nicht selbst zu den Planeten fliegen können, so erkunden unsere Späher vorab das Terrain und geben uns mit immer besserer Fernerkundungstechnik das Gefühl, vor Ort zu sein. Da uns dies so wahrscheinlich nie für den galaktischen Raum außerhalb unseres Sonnensystems gelingen wird, bilden die Planetenwelten im Gravitationstopf der Sonne unser Zuhause. Wie sehr die Menschen seit Erfindung der Raumfahrt schon in die unentdeckten Länder ausgreifen, verdeutlicht wunderbar diese Graphik von Adam Crowe, die sämtliche Planetenmissionen durch ihre schematisch angedeuteten Flugbahnen auflistet.



Sehr schön erkennt man an der Grafik auch, welchen Planeten wir den Vorzug geben und wo es eher schwierig ist hinzugelangen.

Auf das Bild hat mich Stephan Fichtner aufmerksam gemacht, derselbe Stephan, der in seinem Beitrag Alexei Leonov in Deutschland über den Besuch des ersten Weltraumspaziergängers bei der ESA in Darmstadt ausführlich berichtete. Warum Stephan von dem sympathischen Kosmonauten so angetan war, wird in diesem Video klar, das wohl auch während seines Besuchs entstand. Leonov kommt einfach gut rüber.

Die große Familie der Milchstraße

Sterne sammeln sich gerne in Doppel- oder Mehrfachsystemen oder haben Planeten wie in unserem Sonnensystem, die dann wieder von Monden umgeben sein können. Daran sieht man schon: Unser Universum neigt zur Gruppenbildung. Dieses Schema pflanzt sich dann auch auf höherer Ebene weiter fort. Mehrere 100 Milliarden bilden eine große Galaxie wie unsere Milchstraße, mehrere Galaxien wiederum formieren sich zu Galaxienhaufen, und die wiederum zu Haufen von Haufen.

Die unmittelbare kosmische Nachbarschaft unserer Milchstraße ist die Lokale Gruppe. Dazu gehören auch der Andromedanebel M31 und die Dreiecksgalaxie M33. Klassische Spiralgalaxien wie diese beiden sind in der lokalen Gruppe aber eigentlich in der Unterzahl, die meisten Mitglieder sind kleine irreguläre Zwerggalaxien. Viele dieser Mini-Galaxien sind Begleiter der beiden großen Spiralen, also unserer Milchstraße oder des Andromedanebels. Auf Bildern von M31 sieht man meist leicht ihre zwei größten Begleiter M32 und M110. Und während sie aus dem deutschsprachigen Raum nicht zu bewundern sind, sind die Magellanschen Wolken - die zwei nächsten Begleiter der Milchstraße - den Bewohnern der Südhalbkugel bestens vertraut.

Meist sind die kleinen Zwerggalaxien aus der lokalen Gruppe allerdings nicht so einfach zu entdecken, nichtmal auf Photos. Häufig zeigen erst moderne systematische Sternzählungen, daß die Sterndichte in einigen Himmelsgegenden viel zu hoch ist und daß die überzähligen Sterne zu einer schwachen Galaxie gehören.

Barnards Galaxie, aufgenommen mit dem ESO Wide Field Imager WFI am MPG-2.2m Teleskop auf La Silla in den Bändern B (blau), V (grün), R (rot) und zusätzlich in Hα. Image Credit: ESO

Eine Ausnahme bildet NGC 6822 im Sternbild Schütze, die nach ihrem Entdecker auch Barnards Galaxie genannt wird. Schon 1884 entdeckte er die am Himmel etwa halb so groß wie der Vollmond erscheinende Sternansammlung. Von Deutschland aus ist sie wegen ihrer südlichen Lage am Himmel nur schwer zu beobachten, mit dem Very Large Telescope der ESO dagegen ist sie von Chile aus ein leichtes Ziel. Eine neue Aufnahme mit dem Wide Field Imager zeigt nicht nur die Galaxie und ihre Einzelsterne, sondern auch rot leuchtende Wolken interstellaren Gases, in denen gerade fleißig Sterne gebildet werden.

Der neunte Kontinent


Der Mars ist kein Planet wie jeder andere. Wie bei der Erde, wird seine Oberfläche mit Satelliten so lückenlos überwacht, dass er nicht nur vollständig kartographiert ist, sondern auch zeitliche Prozesse beobachtet werden können. Seine Landschaften sind uns dank beweglicher Roboter so vertraut, wie Bilder aus fernen Wüstengegenden unserer Erde. Der rote Planet ist beinahe so etwas wie ein weiterer Kontinent, den es zu entdecken gilt. So erklärt sich der eigentümliche Buchtitel Der neunte Kontinent, in dem der Wissenschaftsredakteur Ulf von Rauchhaupt von der wissenschaftlichen Eroberung des Mars berichtet.

Die Geschichte der Marsforschung ist tatsächlich von einer deutlich geozentrischen Heuristik geprägt. Eine Sichtweise, die spätestens mit der Interpretation von kaum sichtbaren Strukturen auf dem Mars als künstliche Kanäle begann und sich bis zu zukünftigen Plänen einer Marsumgestaltung, terraforming genannt, fortsetzt. Der Mars wird so als verhinderte Erde verstanden. Der rote und der blaue Planet sind wie zwei Geschwister, von denen leider nur eines das Reifezeugnis erhalten hat. Das Sorgenkind Mars hat nicht einmal Wasser vorzuweisen - oder etwa doch? Die Frage, ob es mal flüssiges Waser auf dem Mars gab oder temporär immerwieder gibt und in welcher nichtflüssigen Form es heutzutage vorliegt, ist der Dreh- und Angelpunkte der Marsforschung. Hat man sich schon früh von möglichen Marsbewohnern verabschiedet, sollte es doch wenigstens Wasser geben und so auch wenigstens mikrobiologisches Leben. Dass der Mars nicht als eigenständiger Planet gesehen wird, hat konkrete Auswirkungen auf die Marsforschung. Der Autor macht dies am Beispiel der von dem amerikanischen Marsrover Opportunity entdeckten "Blueberries" klar. Dabei handelt es sich um runde Hämatitklümpchen, die im Sandstein stecken, wie Blaubeeren in einem Muffin. Über die Herkunft dieser Blueberries herrscht Uneinigkeit, was der Autor wie folgt kommentiert: "Während jene Forscher, die überall auf dem Mars Wasserspuren suchen (sie sind bei weitem in der Mehrheit), gerne mit Analogien zur wasserreichen Erde argumentieren, müssen diejenigen, die [...] nach alternativen Erklärungen suchen, dazu Prozesse heranziehen, die auf der Erde unbekannt sind und von denen man daher auch entsprechend weniger weiß." Wäre also der Mars so fremdartig, wie Jupiter oder Merkur, käme erst niemand auf die Idee, die Erde als Modell oder Vorbild des Mars zu sehen.

Das Auftreten und Verschwinden der Marskanäle ist eines der größten Kuriositäten der Wissenschaftsgeschichte. An ihr lässt sich viel über menschliche, aber auch kommunikative und technische Unzulänglichkeiten im Forschungsbetrieb lernen. Nachdem Ulf von Rauchhaupt unter anderem auf diese Episode der teleskopgestützen Marsforschung eingegangen ist, widmet er sich der "Invasion von der Erde", also den zahlreichen Orbitern und Landegeräten des Raumfahrtzeitalter. Sehr ausführlich beschreibt er dann die Marslandschaft, ihre Großstrukturen und Zeitalter. Dieser Gang über die Landschaftsformen ist ein echtes Highlight und in dieser Art in einem Sachbuch nur selten zu lesen. Als sehr nützlich erweisen sich dabei die beiden doppelseitigen topographischen Karten - auch sie sind ein echter Pluspunkt. Nach der bereits erwähnten Frage nach Wasser und Leben auf dem Mars schließt das Buch mit aktuellen Plänen und Schwierigkeiten einer Reise zum Mars. Dabei schließt sich auch der Kreis, denn wenn der neunte Kontinent erstmal von der Menschheit nicht nur wisenschaftlich, sondern auch physisch erobert wird, ist er endgültig ein Teil der Erde. Gekrönt wird diese Inbesitznahme nur noch durch die Umwandlung des Mars in einen für den Menschen bekömmliche Planeten - "terraforming" nemmt man dies in der Sprache der Marsforscher. Dann könnten die einst eingebildeten Marskanäle Wirklichkeit werden und der Irrtum zur Vision.

Bevor er als Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anheuerte, war Ulf von Rauchhaupt Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik. So trifft in diesem Buch folgerichtig professioneller Schreibstil auf große Sachkenntnis. Neben den bereits erwähnten topographischen Karten ist das Buch mit einer zwölfseitigen farbigen Bildstrecke versehen. Einziges Manko dabei ist, dass im Text auf die Bilder nicht explizit hingewiesen wird. Als sehr nützlich erweist sich das "Areographische Glossar" und das ausführliche Register, denn in diesem Buch wird man immerwieder nachschlagen wollen. Schade ist allerdings, dass der Autor keine Literaturtipps gibt.

Das Buch Der neunte Kontinent - Die wissenschaftliche Eroberung des Mars ist jedenfalls ein elegant geschriebenes und informatives Buch über unseren äußeren Nachbarn im Sonnensystem. Auch wenn man sich von der Wassersucht der Marsforscher nicht anstecken lässt und das Terraformen für eine Schnapsidee hält, ist dieses Buch sehr lesenswert, denn wie schreibt Ulf von Rauchhaupt so schön: „Bei der Erforschung des Mars wird wieder unmittelbar spürbar, was Wissenschaft im Kern ist: ein Abenteuer.“

Bibliographische Angaben laut Science-Shop:
Ulf von Rauchhaupt
Der neunte Kontinent
Die wissenschaftliche Eroberung des Mars
2009. 287 S., Farbtaf., gebunden
Fischer-Verlag
Kostet derzeit € 19,95

Sichere Landung in Kasachstan


Ein glücklicher Michael Barratt nach der Landung, Credit: NASA TV

Nach 199 Tagen im All landeten heute der russische Kosmonaut Gennadi Padalka und der amerikanische Astronaut Michael Barrett mit ihrer Sojus-Kapsel in der kasachischen Steppe, nordöstlich der Stadt Arkalyk. Mit an Bord war auch der kanadische Weltraumtourist Guy Laliberte, der immerhin elf Tage im Erdorbit verbrachte. Alle drei brachen wenige Stunden zuvor von der Internationalen Raumstation ISS auf und landeten ohne Komplikationen mit ihrer Kapsel per Fallschirm. Eine Träne weinte ihnen die auf der ISS verbliebene Astronautin Nicole Stott via twitter nach: "Can’t help but shed a tear as I watch Mike, Gena & Guy close the Soyuz hatch."

Der Kosmonaut Gennadi Padalka war Kommandant der Expedition-20-Crew am Bord der ISS. Ihn hatte der europäische Astronaut Frank De Winne als neuer Kommandant der ISS abgelöst. Weitere Mitglieder der aktuellen Expedition-21-Crew sind Roman Romanenko und Max Suraev aus Russland, der Kanadier Bob Thirsk und die NASA-Astronauten Nicole Stott und Jeff Williams.

Quellen: RIA Novosti und NASA

Die Lavaströme des Arsia Mons

Der gestrige Einschlag von LCROSS auf den Südpol unseres Erdmond war wohl eher enttäuschend, insofern die erwartete helle Trümmerwolke ausblieb, die mit optischen Teleskopen hätte beobachtet werden sollen. Spiegel-Online berichtet Mond-Bombardement ohne schnelle Ergebnisse und stellt so richtig fest, dass ob der fehlenden Explosion nur der Hype um LCROSS gescheitert ist, nicht aber die Mission. Die Auswertung der Spektraldaten der Sonde und der beobachtenden Teleskope steht schließlich noch aus. Das Ausbleiben der hellen Trümmerwolke kann verschiedene Ursachen haben, wie zum Beispiel, dass sie nicht hoch genug stieg, um den Schatten im inneren des Kraters Cabeus zu verlassen oder vielleicht war die Trümmerwolke auch nur zu weit aufgefächert.

Anderer Planet, anderes Thema:
Mit großer Zuverlässigkeit hingegen liefert die Kamera HRSC an Bord der europäischen Sonde Mars Express spektakuläre Bilder vom roten Planeten. Diesmal von der Region Tharsis, eine Hochebene, gekrönt von drei Vulkanen, die wie auf einer Perlschnur aufgereiht sind: Ascraeus, Pavonis und Arsia Mons. Der südlichste der drei Tharsis-Vulkane, der vierzehn Kilometer hohe Arsia Mons schließt an einer Ebene an, die Daedalia Planum genannt wird. Diese Ebene ist vergleichsweise strukturlos und weißt kaum Krater auf. Das ist ein Merkmal für eine geologisch junge Region und tatsächlich ist Daedalia Planum von Lavaströmen verschiedenen Alters überzogen, die wohl dem mächtigen Schildvulkan Arsia Mons zuzuschreiben sind. Die Abbildung rechts verdeutlicht nochmals die geographischen Verhältnisse und markiert den Streifen, den die Kamera HRSC im 6396zigsten Orbit von Mars Express aufgenommen hat (zur Großansicht, Bildquelle: NASA/MOLA/FU Berlin). Das kleine Rechteck in der Übersichtsaufnahme befindet sich bei 21 Grad südlicher Breite und 243 Grad östlicher Länge. Es hat eine Ausdehnung von zirka 150 Kilometer mal 75 Kilometer. Mit der Kamera HRSC wurde dieser Ausschnitt mit einer Auflösung von etwa 17 Meter pro Bildpunkt aufgenommen (zur Großansicht, Bildquelle: ESA/DLR/FU Berlin (G. Neukum)).


Das Bild ist gegenüber der Übersichtsaufnahme um 90 Grad gedreht, Norden ist rechts. Die Aufnahme zeigt zwei Lavaströme unterschiedlichen Alters. Der jüngere ist heller, rauher und kraterfreier. Deutlich sind Fließstrukturen zu erkennen, wie sie für Lava typisch ist, zum Beispiel ein Lavakanal und Druckrücken. Letzere entstehen, wenn an der Oberfläche erkaltete Lava durch noch darunter fließendes Lavamaterial zu Runzeln zusammengeschoben wird. Die untere Hälfte des Bildes wird von einem älteren Lavastrom dominiert. Darauf sind mehr Einschlagkrater zu erkennen, und die Oberfläche erscheint glatter, weil sich im Laufe der Zeit Sand und Staub abgelagert haben.

Der große Krater unten wurde wohl mehrfach umflossen, hingegen sieht man rechts einen Krater der mit Lava gefüllt ist. Links unterhalb davon befindet sich ein sogenannter Geisterkrater - vollständig gefüllt mit Lava ist er nur noch ein Schatten seiner selbst.

Die drei Vulkankegel der Tharsis begannen sich vor 3,7 Milliarden Jahren aufzutürmen. Arsia Mons hat dabei noch vor gerade mal ein paar hundert Million Jahre Lava gespuckt. [1]

In der Kamerabezeichnung HRSC steht das S für Stereo, denn mit ihr können dreidimensionale Aufnahmen generiert werden und wer will kann sich das Bild hier (25 MByte) in einer für  Rot-Grün-Brillen aufbereiteten 3D-Version anschauen. So ist das Wochenende auch ohne spektakuläre LCROSS-Einschlagsbilder gerettet!

Quelle: DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt)
[1] nach Ulf von Rauchhaupt: Der neunte Kontinent, Fischer-Verlag, 2009

Ein neuer Ring um Saturn

Der Infrarotsatellit Spitzer hat einen neuen Ring um den Saturn entdeckt - den bei weitem größten aber auch am schwierigsten zu beobachtenden den der Saturn hat. Der bis dahin unbekannte Ring erstreckt sich in einer Entfernung von etwa 6 Millionen km von Saturn selber weitere 12 Millionen km bis an den Rand des Saturnsystems. Der neu entdeckte Ring ist auch relativ dick, nämlich mehr als 20 Saturndurchmesser, und ist zudem auch noch gegenüber den altbekannten Ringen um 27° geneigt.

Artist's Impression des neu entdeckten Saturnrings wie er im Infrarotlicht sichtbar wird. Das Inset zeigt ein echtes Infrarotbild des Saturn, aufgenommen mit dem Keck-Teleskop auf Hawaii. Image Credit: NASA/JPL-Caltech/Keck

Der Saturnmond Phoebe befindet sich inmitten des Rings und ist höchstwahrscheinlich auch die Quelle der Staubpartikel. Einige der Ringteilchen driften aber wahrscheinlich regelmäßig in den inneren Bereich des Saturnsystems und treffen dort auf den Saturnmond Iapetus. Dessen Oberfläche hat eine helle und eine dunkle Seite - daß das dunkle Material von weiter draußen stammt, hatte man schon länger vermutet, nun hat man die Ursache gefunden.

Mit optischen Teleskopen - egal wie groß - ist der neue Ring aber nicht zu sehen: Die Teilchendichte ist extrem gering und die dunklen Eis- und Staubpartikel reflektieren nur wenig des ohnehin in Saturns Entfernung schon schwachen Sonnenlichts zur Erde zurück.

Tanz der Schwarzen Löcher

Höchstwahrscheinlich beherbergt jede größere Galaxie ein supermassives Schwarzes Loch in ihrem Zentrum, so auch unsere Milchstraße. Aber was passiert eigentlich mit ihnen, wenn sich zwei solche Galaxien begegnen? Galaxienkollisionen sind gar nicht so selten, wie uns prominente Beispiele wie die Antennengalaxien zeigen. Bei einem solchen kosmischen Verkehrsunfall wird mächtig Staub - oder besser gesagt Gas - aufgewirbelt: Während es zwar äußerst unwahrscheinlich ist, daß zwei Sterne direkt miteinander zusammenstoßen, bilden sich mächtige Schockfronten, wenn interstellare Gaswolken aufeinandertreffen. Das Gas wird dabei komprimiert und dadurch Sternentstehung angeregt, die Galaxie wird zu einer Starburst-Galaxie.

Dennoch, häufig ist eine Kollision zweier Galaxien erst der Anfang einer ganzen Reihe solcher Begegnungen, denn bei jedem Zusammenstoß werden die beiden Galaxien abgebremst und geraten häufig in eine Art Umlaufbahn umeinander, bis sie sich schließlich nach einem erneuten Zusammenstoß nicht mehr trennen können und miteinander verschmelzen.

So geschehen mit der Galaxie NGC 6240, der man den Ursprung aus ursprünglich zwei Einzelgalaxien noch deutlich ansieht. Und die Schwarzen Löcher? Immerhin treffen dann zwei mächtige Schwerkraftzentren aufeinander, aber solange sie sich nicht allzu nahe kommen, wird die Sache meist glimpflich ausgehen. Aber auch hier kann im kleinen weitergehen, was mit der Galaxie selber schon passiert ist: Die zwei Löcher kommen einander zu nahe und verschmelzen schließlich. Soetwas dürfte zu den eindrucksvollsten Ereignissen im Universum gehören und ungeheure Energiemengen freisetzen. Ebenso rechnet man derzeit mit der Erzeugung eines deutlichen Gravitationswellensignals.

Kombiniertes Bild im sichtbaren Licht und im Röntgenbereich von NGC 6240. Image Credit: X-ray (NASA/CXC/MIT/C.Canizares, M.Nowak); Optical (NASA/STScI)

Bei NGC 6240 sieht man derzeit, wie die zwei Schwarzen Löcher kurz vor der Verschmelzung stehen: Nur noch 3000 Lichtjahre sind sie voneinander entfernt und im Röntgenbild von Chandra als helle Quellen sichtbar. Auf den großen Knall wird man allerdings noch ein Weilchen warten müssen...

Merkurs Tatze


Quelle: NASA/JPL

Nach dem Marsgesicht kommt nun die Merkurtatze. Auf den jüngsten Aufnahmen der NASA-Sonde Messenger entdeckte der Blogger Bryan Tobias den Fußabdruck eines gewaltigen Sohlengängers. Er vermutet in guter amerikanischer Tradition, dass Bigfoot persönlich auf Merkur seine Spuren hinterlassen hat.

Die kuriose Krateranordnung findet sich auf einer Aufnahme, die am 29. September beim letzen Vorbeiflug von Messenger entstand. Die Sonde überflog Merkur dabei in einer Höhe von 228 Kilometern. Dabei handelt es sich um den dritten Vorbeiflug, mit dem die Flugingenieure der NASA der Sonde den Schwung nehmen, um sie schließlich im März 2011 in einen Orbit um Merkur einschwenken zu lassen. Mit solchen Swing-By-Manövern lässt sich Treibstoff sparen, auch wenn das gesamte Flugmanöver dadurch Jahre dauert. Zeit ist kein Problem, denn wie sollte Bigfoot den Merkur verlassen?


 Zur Erinnerung: Bei dem Marsgesicht handelte es sich um eine pixelige Aufnahme der Cydonia-Region, ein Hochland auf dem Mars, die 1976 mit dem Viking-1-Orbiter gemacht wurde. Bekiffte Esoterikspinner entdeckten darauf ein menschliches Gesicht (die NASA-Wissenschaftler spielten dabei noch mit, weil man damals vermutlich noch die Wirkung solcher Begriffe auf das bildungsferne Publikum unterschätzte). Spätere Aufnahmen, wie hier zum Beispiel vom Mars Global Surveyor, entlarvten das Marsgesicht dann schließlich als stark erodierten Tafelberg.
Das hält Walter Hain, Autor des Buches "Das Marsgesicht - und andere Geheimnisse des Roten Planeten" nicht davon ab, weiter an "die Künstlichkeit des Marsgesichts" zu glauben, so zitiert ihn zumindest amazon.de
Mal gucken, ob jemand geschäftstüchtig genug ist, ein Buch über die Merkurtatze zu schreiben.

Alexei Leonov in Deutschland

Legendäre Erstleistungen aus den Anfängen der bemannten Raumfahrt, deren Protagonisten heute noch leben, gibt es nicht mehr allzu viele. Umso interessanter, wenn man einem dieser Menschen einmal persönlich begegnet und aus erster Hand das "Abenteuer Weltraumfahrt" nacherleben darf. Wie heute geschehen in Darmstadt am European Space Operations Center (ESOC) der ESA. Kein Geringerer als Alexei Archipowitsch - Jahrgang 1934 - Leonov gab sich da die Ehre, den versammelten Mitarbeitern und Journalisten über seinen bereits im Jahr 1965 erfolgten, ersten Ausstieg eines Menschen in den freien Weltraum zu berichten.


Am 18. März 1965 war Leonov an Bord von Woschod 2 zusammen mit seinem Kommandanten Pawel Beljajew gestartet. Während dieses zweiten Woschod-Flugs sollte zum ersten Mal ein Mensch die schützende Hülle eines Raumschiffes verlassen und im freien Weltraum schweben. Ab Juli 1964 hatte Leonov speziell für diesen Ausstieg trainiert. In der Erdumlaufbahn verließ er als erster Mensch sein Raumschiff und schwebte - nur durch eine 4,5 Meter lange Sicherheitsleine gesichert - etwa 24 Minuten im Weltraum. Sein „Weltraumspaziergang“ - die erste EVA ("Extra Vehicular Activity") endete fast in einer Katastrophe, denn durch das Hochvakuum des Weltraumes blähte sich sein Raumanzug so stark auf, dass Leonow fast nicht mehr durch die enge Luke in das Raumschiff hätte zurückkehren können.

"Zuerst hatte ich das Gefühl, als ob meine Finger durch die Handschuhe meines Skaphanders und meine Füße durch die Schuhe gedrückt wurden", beschreibt er auch heute noch sehr anschaulich die für ihn lebensbedrohliche Situation vor fast 45 Jahren. Da in seinem Raumanzug russischer Bauart ein irdischer Druck herrschte, dehnte sich dieser im Vakuum des Weltraums immer weiter aus. Schließlich musste er fast den halben Druck und damit auch die Hälfte seines Sauerstoffvorrats von nur 60 Litern aus seinem Raumanzug ablassen, um wieder in die schützende Woschod-Kapsel zu gelangen. Der Einstieg musste dabei anders passieren, als bisher trainiert: Statt mit den Füßen zuerst zog sich Leonov mit seinen Armen und mit dem Kopf zuerst zurück in die Kapsel - gerade noch rechtzeitig, bevor der Stickstoffanteil in seiner Atemluft für ein Überleben zu hoch geworden wäre. Schweißgebadet und mit erhöhter Temperatur schwebte er zurück ins Raumschiff, wo auf seinen Kollegen und ihn allerdings ein zweites Problem wartete: Denn die Luke der Kapsel war während seines Ausstiegs ständig von der Sonne beschienen gewesen, die Rückseite des Raumschiffes lag aber im kalten Dunkel des Weltraums. Die Temperaturdifferenz von einigen hundert Grad Celsius sorgte dafür, dass die Luke nicht mehr hundertprozentig schloss, was zu einem schleichenden Sauerstoffverlust in der Kapsel führte. Leonov erzählt die Geschichte so weiter, dass er in der auf seinen Weltraumspaziergang folgenden Nacht im Schlaf aus Versehen an den Druckregler der Kapsel stieß und sich dadurch ein Überdruck in der Woschod-Kapsel aufbaute, der dafür sorgte, dass die Luke wieder dicht in den Rahmen gepresst wurde und sich das Leck so wieder schloß.

Es sind diese Abenteuergeschichten à la Apollo 13 - erzählt von einem "Dinosaurier der bemannten Raumfahrt", wie Leonov sich selbst nennt, die faszinieren.

Zumal das sowjetische Mondprogramm im Gegensatz zu Apollo zur damaligen Zeit und teilweise auch noch heute ein großes Geheimnis war und ist. Doch Leonov hat mit 75 Jahren ein Alter erreicht, in dem er auf nichts mehr Rücksicht nehmen muß.

Bereits im September 1968 war Leonov als Kommandant einer von drei Kandidaten für einen bemannten Mondflug. Durch unbedachte Äußerungen gegenüber der internationalen Presse und drei selbst verschuldete Autounfälle verscherzte er sich jedoch Sympathien bei den "höheren Stellen".

Heute sagt er über das russische Mondprogramm so Sätze wie: "Ich finde, es war ein Fehler, gleichzeitig bemannte und unbemannte Flüge durchzuführen. Wir hätten uns auf die bemannten Flüge konzentrieren sollen. Und es wäre schön gewesen, wenn am Steuer des Lunochods wenigstens ein Kosmonaut gesesen hätte".

Nachdem die USA mit Apollo 8 im Dezember 1968 bemannt den Mond umrundet hatten und ein halbes Jahr später dort gelandet waren, wurde das sowjetische Mondprogramm beendet. Im Jahr 1971 sollte Leonov Kommandant des Fluges von Sojus 11 sein. Aufgrund des Verdachts von Tuberkulose bei einem seiner Mannschaftskameraden, wurde jedoch die komplette Mannschaft ausgetauscht. Die "Ersatzmannschaft" von Sojus 11 erstickte jedoch nach erfolgreichem Langzeitflug bei der Rückkehr in ihrer Kapsel. Leonov wurde schließlich als sowjetischer Kommandant für das Projekt Apollo-Sojus ausgewählt und flog am 15. Juli 1975 - zehn Jahre nach seinem ersten Weltraumspaziergang - mit Sojus 19 noch einmal ins All. Beim Rendezvous mit der Apollo-Kapsel lernte er die Astronauten Thomas Stafford, Vance Brand und Deke Slayton kennen. Mit Tom Stafford verbindet ihn noch heute eine enge Freundschaft. Als Ausbilder hat Leonov viele spätere Astro- und Kosmonauten geschult, darunter Ulf Merbold, Jean-Loup Chrétien und viele andere.

Es sind die menschelnden Geschichten aus einer längst vergangenen Raumfahrerzeit, die Alexei Archipowitsch Leonov als sympathischer "Raumfahrt-Opa" gestenreich wohl seinen Enkeln und auch uns erzählt. Geschichten, die faszinieren und eine Lanze für die bemannte Raumfahrt brechen. Wo erlebt man es als Journalist heute sonst noch, dass einem auf eine kurze Frage über eine Viertelstunde "aus dem Nähkästchen der sowjetischen Raumfahrt" geantwortet wird.

In diesem Sinne:
Всего хорошего Алексеи Архипович!

Bildrechte für alle Fotos: S. Fichtner (eine Bildergalerie von der Veranstaltung finden Sie auf Redshift-live)

Buchtipps