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Stelldichein im Morgengrauen: Mond, Venus und Aldebaran

Die Venus hat das Jahr 2020 als hellstrahlender Abendstern begonnen. In der zweiten Jahreshälfte spielt sie nun die Rolle als Morgenstern. Das bedeutet, dass sie nun vor der Sonne aufgeht. Am 15. Juli bereits um 2:57 Uhr (MESZ). Bis zum September wir unser innerer planetarer Nachbar immer höher am Himmel stehen und dann wirklich nicht zu übersehen sein.

Am Morgen des 17. Juli kommt es zu einer engen Begegnung zwischen der Venus und der schmalen Mondsichel in der Nähe des Sterns Aldebaran, der hellste Stern im Sternbild Stier.
Das Treffen dieser drei Himmelskörper beobachten Sie am besten zwischen 03:30 und 04:00 Uhr MESZ tief im Osten. Die beiden mit Stellarium simulierten Ansichten geben einen Vorgeschmack:


Erstellt mit Stellarium

Und in vergrößerter Ansicht:



Erstellt in Stellarium
 Wenn Sie mit dem Teleskop beobachten werden Sie feststellen, dass nicht nur der Mond, sondern auch die Venus eine schlanke Sichel zeigt. Anders als die Mondsichel wird die Sichel der Venus von Tag zu Tag breiter, während das Venusscheibchen seinen Durchmesser verringert.

Das Treffen der drei sehr unterschiedlichen Objekte findet natürlich nur auf der zweidimensionalen Oberfläche der Himmelskugel statt. Vom Mond trennen uns an diesem Datum 392.000 Kilometer, die Venus ist 75 Millionen Kilometer entfernt und der Stern Aldebaran 67 Lichtjahre. Von einem Treffen kann da eigentlich keine Rede sein!

Winterlandschaft mit Wintersternbilder


 Dieses schöne Bild vom Winterhimmel in Blickrichtung Süden hat am Samstag, den 14.01.2012 Wolfgang Barth gemacht. Der Aufnahmeort liegt im Südschwarzwald, man beachte den Schnee.
Über dem Baum sehen wir die Figur des Himmelsjägers Orion und rechts oberhalb davon das Sternbild Stier (Taurus). Markant am Stier ist der V-förmige Kopf mit dem roten blutunterlaufenen Auge, das ist der Stern Aldebaran. Außerdem  sehen wir rechts oberhalb eine weitere auffällige Struktur, die Plejaden. Der helle "Stern" rechts ist der Planet Jupiter.

Die Planeten unseres Sonnensystems kreisen in einer Ebene um die Sonne, Ekliptik genannt. Aus unserer geozentrischen Perspektive läuft auch die Sonne auf der Ekliptik. Die Sternbilder, die von ihr im Jahreslauf durchwandert werden, sind die Tierkreissternbilder. Der Stier gehört bekanntermaßen auch dazu. Daher kann man sich denken, dass die Verbindungslinie zwischen Jupiter und dem Sternbild Stier die Ekliptik nachzeichnet. Genau genommen läuft sie durch den Stierkopf und die Plejaden durch. Dieser Teil der Planeten- und Sonnenbahn wird als goldenes Tor der Ekliptik bezeichnet. Bei den Plejaden und dem Stierkopf handelt es sich um sogenannte offene Sternhaufen, wobei der Stierkopf den hübschen Namen Hyaden trägt, was "Regengestirn" bedeutet.
Hier nochmal dasselbe Bild mit den Bezeichnungen:


Offene Sternhaufen sind eine Sammlung von Sternen, die gemeinsam entstanden sind und nun noch gravitativ aneinander gebunden sind, allerdings nur sehr lose, so dass sich diese Sternhaufen mit der Zeit auflösen. Die Hyaden zum Beispiel bestehen aus circa 200 Sternen, die so 625 Million Jahre alt sind. Das ist recht jung, verglichen mit dem Alter unserer Sonne von fast 5 Milliarden Jahren. In astronomischen Zeitskalen sind also die Hyaden ein junges Gebilde in Auflösung begriffen. Mit einer Entfernung von 140 Lichtjahre sind die Hyaden auch relativ nahe - kein anderer Sternhaufen ist näher. Der auffällige rote Stern Aldebaran gehört aber nicht zu diesem Sternhaufen. Er steht nur zufällig in der Sichtlinie und ist in etwa halb so weit entfernt. Die rötliche Farbe verdankt er seiner realtiv kühlen Oberfläche von 3000 Kelvin. Dennoch übertrifft seine Leuchtkraft der unserer Sonne um das hundertfache. Der Grund ist die enorme Ausdehnung von Aldebaran. Dieser Stern hat den vierzigfachen Durchmesser unserer Sonne. Es handelt sich also um einen sogenannten Roten Riesen.

Die Sterne der Plejaden, auch als M 45 katalogisiert, sind noch jünger als die der Hyaden. Gerade mal 60 Millionen Jahre alt sind diese rund 500 Sterne. Die Astronomen unter den Dinosauriern konnten die Plejaden also noch gar nicht kennen, einfach weil es sie noch nicht gab. Dieses jungendliche Alter sorgt dafür, dass der offene Sternhaufen der Plejaden kompakter ist, als die Hyaden und auch mehr besonders helle kurzlebige blaue Sterne beinhaltet. In ihrer Helligkeit stehen sie den Hyaden in nichts nach, obwohl sie mit einer Entfernung von 390 Lichtjahre mehr als doppelt so weit entfernt sind. Am besten beobachtet man die Hyaden und Plejaden mit dem Fernglas. Für das Teleskop sind sie zu groß.

Die Aufnahme unten entstand ein bisschen später. Es zog schon Hochnebel auf. Für die Astronomie ärgerlich sorgt das doch für eine schöne Stimmung. Außerdem arbeitet der Nebel in Kombination mit der langen Belichtung wunderbar die hellen Sterne heraus, so dass das Sternbild Orion und die beiden hellen Sterne Prokyon und Sirius klar erkennbar sind.


Prokyon gehört zu dem Sternbild Kleiner Hund (Canis Minor), das wirklich ein kleines Sternbild ist. Im wesentlichen besteht es aus Prokyon und dem etwas weniger hellen Stern rechts oben darüber. Prokyon bedeutet "vor dem Hund", weil er zeitlich vor dem "Hundsstern" aufgeht. Der Hundsstern ist der helle Stern rechts neben der Baumspitze. Er gehört zum Sternbild Großer Hund (Canis Maior) und ist eher unter dem Namen Sirius bekannt. Sirius ist der hellste Stern überhaupt und weil er in unseren Breiten immer recht horizontnah steht und somit sein Licht einen relativ langen Weg durch die Atmosphäre zurücklegt, funkelt er oft wie wild in allen Farben. Die beiden Hunde gehören zum Himmelsjäger Orion. Zu dessen Füßen liegt das Sternbild Hase (Lepus), die erlegte Beute.
Hier nochmals mit Beschriftungen:


Während der Aufnahmen viel das Thermometer auf -5° Celsius. Einem Schwarzwälder wie dem Astrofotografen Wolfgang Barth entlockt das nur ein müdes Lächeln.

Quelle und Literaturtipp: Sterne beobachten in der Stadt

Das Schneegestirn


Winter ist, wenn zur besten Beobachtungszeit die Hyaden hoch am Himmel stehen. Das ist zwar nicht offiziell so, hat aber zumindest derzeit seine Berechtigung. Bei den Hyaden handelt es sich um eine Gruppe von circa 350 Sternen, die einen sogenannten Offenen Sternhaufen bilden, wobei unter idealen Sichtbedingungen nur etwa zwanzig Sterne mit bloßem Auge sichtbar sind. Die Hyaden dominieren das Sternbild Stier (Taurus). Sie bilden den V-förmigen Kopf des Stieres, dessen rotes Auge der Stern Aldebaran markiert. Dieser Stern überstrahlt mit seiner Helligkeit die Hyaden, da er nur in etwa halb so weit entfernt ist. Er gehört also nicht zu dem Sternhaufen, sondern liegt einfach nur auf der Sichtlinie.



Die alten Römer nannten den Sternhaufen Sidus Hyantis, also das Regen bringende Gestirn oder Regengestirn. Letztere Bezeichnung ist auch heute noch geläufig, Schneegestirn hingegen ist eine reine Erfindung von mir. Der Name Regengestirn ist durchaus treffend, denn mit dem abendlichen Aufgang der Hyaden beginnt die schmuddelige Jahreszeit. Bei den Griechen stehen die Hyaden für die Töchter des Titanen Atlas mit Aethra. Der schlimme Finger Atlas hatte mit einer anderen Frau, nämlich Pleione, noch weitere Töchter, die Plejaden. Man fragt sich, wie er bei so viel Töchterzeugung und -aufzucht noch dazu kam, dass Himmelsgewölbe hochzuhalten. Astronomisch gesehen handelt es sich bei den Plejaden ebenfalls um einen Offenen Sternhaufen. Die Atlas-Töchter sind also fein säuberlich nach Gattin jeweils in Haufen getrennt.

Die antike Vorstellung von Schwestersternen kommt der Realität sehr nahe. Tatsächlich handelt es sich bei Offenen Sternhaufen um Sterne, die aus derselben Gas- und Staubwolke entstanden sind. Diese Viellingsgeburt soll bei den Hyaden vor circa 625 Millionen Jahren stattgefunden haben. Das klingt nach viel, doch verglichen mit unsere Sonne und ihrem Alter von 4,6 Milliarden Jahren sind die Sterne in den Offenen Sternhaufen recht jung. Da sich im Laufe der Zeit die Haufen auflösen, findet man keine Offenen Sternhaufen mit richtig alten Sternen. Wie man auf so eine Altersschätzung kommt und weitere interessante Hintergründe bietet der leicht verständliche Artikel Von den Hyaden, Plejaden und anderen Sternhaufen auf astronomie.de.

Dass Sterne keine Einzelkinder sind, sondern in solchen Vielfachgeburten entstehen, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Sterngeschwister stehen nicht nur räumlich nahe beinander, sie bewegen sich auch gemeinsam relativ zum Fixsternhimmel, sie bilden eine sogenannte Bewegunsgruppe. Wie Schienenstränge, die am Horizont zusammenlaufen, verkleinern sich dabei für uns perspektivisch die Abstände zwischen den Haufenmitgliedern. Die Hyaden schrumpfen sozusagen auf einen Punkt, den Konvergenzpunkt, zusammen. Dieser Punkt liegt in der Nähe des Sterns Betelgeuse im Sternbild Orion. Dabei hat dieser Bewegungshaufen die größte Nähe zur Sonne und damit seine größte Ausdehnung am Nachthimmel schon gehabt, vor circa 800.000 Jahren.

Die Hyaden bilden mit einer Entfernung von 151 Lichtjahren den nächstgelegenen Sternhaufen. Okay, nicht ganz: Die Ursa-Major -Gruppe (Bärenstrom), zu der ein paar prominente Sterne aus dem Großen Wagen gehören, liegt näher. Doch ist diese Gruppe über einen großen Bereich des Himmels verteilt und nicht so schön geschlossen, wie die Hyaden.

Wenn also das Tief Daisy erstmal verschwindet und den Blick auf den Himmel wieder frei gibt, wird hoffentlich jeder Aldebaran und das Hyaden-V bemerken - und vielleicht liegt dann ja sogar noch Schnee.

Weitere Linktipps und Quellenangabe: The Raining Stars und Das Regengestirn
Die Bilder wurden mit Stellarium erzeugt.