Der ewige Spickzettel


Wer kennt das Problem nicht? Man will seine Emails bei AOL, GMX oder wie sie alle heißen lesen und wird erstmal mit unglaublich dämlichen Quark aus dem Boulevard konfrontiert, der auch noch als "News" daherkommt. Immer dabei Dieter B. aus HaHa und ein Artikel über die aufregende Welt der Dessous, scheinbar die wichtigste und innovativste Wirtschaftsbranche auf diesem Planeten.
Gelegentlich lohnt es sich aber doch, vor dem Lesen der Emails kurz innezuhalten. Dem Innehalten auf AOL verdanke ich einen Linktipp, den ich gerne weitergebe, bitteschön: Wissenschafts-Tattoos Ich selber kann zwar auch so nichts mit dieser Körperbemalung anfangen, aber origineller als Drachen und chinesische Schriftzeichen ist das allemal.

Raumfahrtdauerglotzen


Mercury, Gemini, Apollo, Skylab, Space Shuttle - in fünfzig Jahren Geschichte der NASA sind einige Projekte der bemannten Raumfahrt zusammengekommen. Das DVD-Paket "Ein großer Schritt für die Menschheit" zeigt auf vier Scheiben die Meilensteine der Jahre 1961 bis 1992 - von Alan B. Shepards ersten suborbitalen Flug, bis hin zum spektakulären Reparatureinsatz für das zunächst fehlerhafte Weltraumteleskop Hubble. Das sind rund dreihundert Minuten historische Aufnahmen, viele davon bisher unveröffentlicht. Lohnt sich das Raumfahrtdauerglotzen?

Drei der vier DVDs zeigen sechs aktuelle Dokumentationen, die mittels Originalaufnahmen und Interviews mit inzwischen ergrauten Astronauten die Meilensteine der bemannten Raumfahrt der NASA darstellen. Die vierte DVD hingegen enthält sehenswerte historische Dokumentationen der NASA selbst. Letztere zeigen eindrücklich, dass die frühen Erfolge der NASA in eine Zeit fallen, in der das Fernsehen als neues Massenmedium entsteht. Die NASA nutze dies von beginn an konsequent für ihre Selbstdarstellung, so wie es ihr heute wieder mit dem Massenmedium Internet gelingt. Sie dokumentierte ausführlich alle ihre Tätigkeiten am Boden, im Orbit und auf dem Mond im Film und lies so den zahlenden Bürger am Abenteuer Weltraumfahrt teilhaben, eine Brise Patriotismus inklusive. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass wir mit solchen DVDs nochmals minutiös dabei sein dürfen, wenn John Glenn um die Erde kreist oder Bruce McCandless sich mit seinem Raketenrucksack 90 Meter vom Space Shuttle entfernt - ganz ohne Leine!

Im Mittelpunkt von "Ein großer Schritt für die Menschheit" stehen die Astronauten und ihre Missionen. So wird in dieser Dokumentation mit keinem Wort erwähnt, dass es Wernher von Braun und seine deutschen Ingenieure mit der sehr problematischen Vergangenheit waren, die der NASA die Raketen bauten. Auch beim Umgang mit den drei großen Unfällen der amerikanischen Raumfahrt, also dem Verlust der Crews von Apollo 1, und der Space Shuttle Challenger und Columbia, zeigt die Dokumentation eher die Befindlichkeiten von Angehörigen und Kollegen. Dies ist zwar eindrücklich, doch würde ich mir eher die Nennung von Ross und Reiter wünschen: Was waren nun wirklich die Ursachen und wer trägt daran schuld? Ähnlich, wenn auch nicht so schwerwiegend ergeht es mir mit dem Weltraumteleskop Hubble. Die Reparatur des Teleskops war eine Meisterleistung, warum die NASA aber den Fehler in der Optik nicht schon am Boden bemerkte erfahren wir nicht. Zuweilen nimmt das komische Züge an. So können wir verfolgen, wie der Astronaut Gus Grissom nach seiner Landung im Meer beinahe ertrinkt. Warum aber eigentlich die Luke seiner Mercury-Kapsel abgesprengt wurde und so das Wasser eindrang, erfahren wir nicht.

Die Schilderung der großen Missionen der NASA in diesem DVD-Paket ist keine journalistische. Fragen nach Sinn und Verantwortung werden nicht gestellt. Der Weg der NASA wird nicht in Frage gestellt. War es klug das Apollo-Programm frühzeitig abzubrechen? Hätte man gleich den Mars anvisieren sollen anstatt mit dem Space Shuttle im erdnahen Orbit zu verweilen? Wie kam es zu der Diskrepanz zwischen den Visionen der Weltraumingenieure vom Schlage eines Wernher von Braun und der Realität? Hat die bemannte Raumfahrt außerhalb des Kalten Krieges eine Bedeutung und können die Chinesen der NASA heute dieselben Dienste leisten wie damals die Sowjetunion?

Antworten auf solche Fragen finden sich auf keiner einzigen der vier DVDs. Lohnt sich das Raumfahrtdauerglotzen dennoch? Ich denke ja. Das DVD-Paket "Ein großer Schritt für die Menschheit" bezieht seinen Wert und seine Spannung aus den zahlreichen spektakulären Aufnahmen und O-Töne der Beteiligten. Es ist ein Zeitdokument für alle, die sich für Technikgeschichte und Raumfahrt interessieren. Das DVD-Paket bietet die Bilder und Eindrücke, auf deren Hintergrund man sich dann fundierter die kritischen Fragen stellen kann.


"Ein großer Schritt für die Menschheit - Die Missionen der NASA" 4 DVDS, Discovery Channel, Polyband, Produziert in Zusammenarbeit mit der NASA. Fragt den freundlichen Buchhändler um die Ecke.

Einsteins große Idee


Eine Formel kennen alle: Einsteins Energie-Masse-Äquivalenz E=mc²
Kann man über diese Formel einen Spielfilm drehen?

In den nächsten Tagen kommt eine 104-minütige Dokumentation über den Weg zur berühmtesten Formel der Physik in die Läden, die in aufwendigen Spielfilmszenen die entscheidenden Stationen nachstellt. Der Film basiert auf den Bestseller "Bis Einstein kam - Die abenteuerliche Suche nach dem Geheimnis der Welt" von David Bodanis. In dem Buch steht die berühmte Formel E=mc² nicht im Mittelpunkt, sondern bildet den Endpunkt einer Entwicklung. Hierin liegt die große Stärke dieser Dokumentation: Indem sie systematisch der Herausbildung der Begriffe Energie und Masse nachspürt, stellt sie zahlreiche fundamentale Experimente aus der Physik des 18. und 19. Jahrhunderts nach und in ihren historischen Kontext. Am eindrucksvollsten gelingt dies bei Michael Faraday und Antoine Laurent de Lavoisier. Michael Faraday zu beobachten, wie er mit den Labormitteln seiner Zeit mit stromdurchflossenen Leitern und Magneten experimentiert, um das Geheimnissen des Elektromagnetismus zu ergründen, ist lehrreich und macht einfach Spaß. Die Experimente Lavoisier waren entscheidend für die Herausbildung des Materiebegriffs. Im gelang es nicht nur Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen, sondern dabei zu zeigen, dass nichts verloren geht. Die Materie bleibt bei chemischen Reaktionen erhalten. Auch dieses Experiment stellt die Dokumentation in Spielfilm-Manier nach.

Nachdem die Masse und die Energie erstmals als Erhaltungsgrößen erkannt waren, galt es nun die Ausnahme von der Regel zu entdecken, die Umwandlung von Masse in Energie. Experimentell sehr bedeutsam sind hierzu die Arbeiten von Lise Meitner und Otto Hahn. Die Dokumentation zeigt diese Entwicklung aus der Perspektive Lise Meitners, was sehr löblich und interessant ist, da diese zurückhaltende und bescheidene Frau viel zu oft Übergangen wird, wenn von den spannenden Jahren der frühen Atom- und Kernphysik erzählt wird.

Albert Einstein selbst begegnet einem in dieser Dokumentation zumeist als junger Mann in der Zeit seines "Wunderjahres" 1905. Das ist angenehm, denn hier wird nicht erneut das Klischee des trotteligen Professors vorgeführt, für das Einstein später so oft Modell stand. Vielmehr haben wir es mit einem charmanten, aber egozentrischen jungen Mann zu tun, der möglichst unkonventionell seinen Weg geht.

Die Schwäche der Dokumentation liegt darin, dass es ihr nicht gelingt, die abstrakte moderne Physik ausreichend und laiengerecht darzustellen. Dies liegt in der Natur der Sache. Der Sinn der Experimente von Einsteins Vorgängern erklärt sich beim Zuschauen mehr oder weniger von selbst. In die Gedankenwelt Einsteins kann der Zuschauer aber auch bei noch so guter schauspielerischer Leistung nur sehr oberflächlich eindringen - ähnlich verhält es sich mit den Atomkernen Lise Meitners. Daher gibt es Abzug in der B-Note und ich gebe den Film "nur" drei Smileys. Das sind aber immer noch viele, denn ich empfehle diesen Film gerne weiter: Egal ob Laie oder Experte, er bietet gute Unterhaltung - und das zur wichtigsten Formel der Physik.

Kennerschaft in der Naturwissenschaft


"Man ist entweder Fachmann oder Laie, aber nicht Kenner." Dieser Satz entstammt dem Vortrag "Welche Naturwissenschaft braucht der gebildete Mensch?" von Ernst-Peter Fischer. Mit diesem Satz beschreibt er ein Phänomen, das der Naturwissenschaft eigen ist: Entweder man kennt sich in ihr aus, mit allen Methoden wenigstens eines speziellen Gebiets oder man steht außerhalb von ihr, als Teil des zu belehrenden Publikums. Anders als in anderen Bereichen unserer Kultur scheint es in der Wissenschaft kaum eine Kennerschaft zu geben. Eine Kennerschaft wie sie zum Beispiel jemand für sich beansprucht, der Weine liebt, gute Literatur oder jedes relevante Kunstmuseum bereist.

Ein wesentlicher Grund hierfür ist wohl, dass Naturwissenschaft gerne anhand ihrer Fakten vermittelt wird. Wissenschaftler haben etwas herausgefunden, etwas entdeckt und versuchen nun dieses Wissen zu popularisieren, bzw. sie unterhalten einen Pressemenschen, der das für sie macht. Abgesehen davon, dass bei dem Akt der Popularisierung der wesentliche Inhalt oftmals auf der Strecke bleibt, tritt der Laie so nicht in einen Dialog ein, sondern nimmt die Information wie ein Schwamm auf, ein niemals endender Vorgang. Kennerschaft hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass der Kenner entweder in einem kontemplativen Monolog über eine Sache treten kann oder in einem Dialog mit anderen Kennern. Genau darin besteht dann der Akt der Bildung, wie Ernst-Peter Fischer betont. Gebildet ist, wer in einen Dialog treten kann und Bildung findet in diesem Gespräch statt.

Ziel der Vermittlung von Naturwissenschaft sollte es also sein, den anderen in die Lage zu versetzen, über Wissenschaft reden zu können. Ich habe den Eindruck, dass Blogs hier den informationslastigen Texten in Nachrichtenmagazinen weit voraus sind. Blogs und Foren sind beinahe so etwas wie die Humboldtschen Universitäten des 21. Jahrhunderts, eine Versammlung dialogwilliger Kenner. Jemand, der über einen Wissensvorsprung verfügt und/oder über die Fähigkeit prägnant zu formulieren, stellt einen Gedanken in den Raum, über den sich dann ein Gespräch der dialogwilligen Kenner entfalten kann. So findet mitunter mehr Bildung statt, als bei der Lektüre eines gehaltvollen Artikels.

Den Vortrag "Welche Naturwissenschaft braucht der gebildete Mensch?" von Ernst-Peter Fischer gibt es auf DVD-Video unter der ISBN 978-3-8312-9478-7

Das Blog-Teleskop Nr. 17

Rektaszension, Deklination, Sternzeit - die Einstellung stimmt, dann kann es ja losgehen: Das Blog-Teleskop sucht nach astronomischen Signalen aus der deutschsprachigen Blogosphäre.
  • Das lauteste Signal kommt aus dem Blog Astrodicticum Simplex. Die Teleskop-CCD droht durchzuschmoren, wenn sich Florian Freistetter den Pseudowissenschaften annimmt und der anschwellende Bocksgesang gehörnter Astrologen das Universum erzittern lässt: Astrologie ist Unsinn sagt er, was in etwa so aufschlussreich ist wie Wasser ist nass. Entscheidend ist aber die ausführliche Begründung Florians. Er wollte es halt mal richtig gesagt haben - sehr löblich! Gehaltvoll ist auch seine kleine Serie über seltsame Welten: Trojanerplaneten, Wechselplaneten und jetzt neu Sitnikov-Planeten
  • Bei den Kosmologs waren dieses Jahr schon gleich vier Blogger aktiv: Stefan Oldenburg gibt in seinem Blog Clear Skies jahreszeitengemäß einen Überblick über Astronomische Jahrbücher 2009 Der Raumfahrtspezialist Michael Khan behandelt in Go for Launch Mythen im Weltall (1): Die Zeit des Space-Race In seinem Blog Galaxienentwicklung wünscht sich Helmut Dannerbauer in seinem Beitrag Maximal 66 Millionen Lichtjahre mehr sorgfalt in der Berichterstattung über astronomische Themen. Einsteins Kosmos, der Blog von Andreas Müller bietet mit Erst Schwarze Löcher, dann Galaxien? wieder handfeste Astronomie. Was war zuerst da, die Galaxienkerne in Form Schwarzer Löcher oder erst die Galaxie, in die Schwarze Löcher "einwandern"?
  • Die Erde ist auch ein Planet. Es sei mir daher erlaubt, hier auch mal auf den spannenden Blog Polarstern unterwegs hinzuweisen. Gemeint ist natürlich das Forschungsschiff Polarstern. Der neueste Eintrag lautet: Polarstern kreuzt den mächtigsten aller Ströme
  • Ein echter Sterngucker unter den Bloggern ist Frank Leitner. In Asterythms lässt er uns an seinen Beobachtungen teilhaben. Zuletzt: Venus und Merkur und Mond bedeckt Plejaden Nur selber schauen ist schöner!
  • Der ein oder andere Blogger mag gerade erst aus dem Jahresendzeiturlaub zurückkommen, weshalb wohl relative Ruhe in der Blogosphäre herrscht. Pünktlich mit Jahresbeginn startete aber das Internationale Jahr der Astronomie 2009. Einen informativen Blog dazu betreut Daniel Fischer: Jetzt geht's aber los: IYA-Kick-Offs allerorten!
  • Den Kreis zu Florians Beitrag über Astrologie möchte ich mit einem Hinweis auf den Blog gwup die skeptiker schließen: Kritik an Galileo Mystery mit Geller und Co Das ist war irgendwie out of topic, aber es kann nicht schaden, wenn dieser Blog eine große Verbreitung findet.
Das Blog-Teleskop baue ich jetzt wieder ab und stelle es zu Florian in die Garage: Blog-Teleskop
Garantiert habe ich wieder wesentliche Signale aus der astronomischen Blogosphäre verpasst. Bitte einfach als Kommentar ergänzen, sonst wird das ja nicht besser.

Das All, leider nur gestreift - eine Rezension


Mit seinem Buch "Streifzüge durch das All" bietet der Wissenschaftsredakteur Helmut Hornung jungen Lesern einen Einblick in die Welt der Astronomie. Dieser Einblick gerät ganz klassisch, wie man ihn von Lehrbüchern kennt: Nach einem einführenden Kapitel erläutert der Autor den Sternenhimmel, wie er sich im jahreszeitlichen Wandel präsentiert. Danach geht er auf die Instrumente und Beobachtungstechniken der Astronomie ein. Die weiteren Kapitel durchstreifen das All von "Innen nach Außen", also von den Planeten zur Sonne, den Sternen, Galaxien, bis zu den großen Fragen nach Kosmos und Leben. Jedes Kapitel schließt mit einem kurzen "Astrotipp", sozusagen aus der Privatsternwarte des Autors. Hier gibt er sich als erfahrener praktischer Beobachter zu erkennen. Der letzte Astrotipp allerdings zeigt die Möglichkeiten, die das Internet Astronomie-Enthusiasten bietet. Zwar stellt der Autor hier Microsofts WorldWide Telescope und Google Sky vor, unterschlägt aber die beiden ebenfalls kostenlosen Programme Celestia und Stellarium. Das ist insofern Schade, als beide Programme in einer deutschsprachigen Version vorliegen und als offene Projekte jugendliche Computerfreaks besonders zum Mitmachen animieren können.

Das Buch endet mit ausführlichen Lese- und Linktipps, sowie einen hübschen Astro-Quiz. Völlig unmotiviert findet sich im Anhang auch noch ein "Plan der Astronomie-Ausstellung im Deutschen Museum". Was es in dieser Ausstellung denn nun genau zu sehen gibt, wo das Museum überhaupt ist und weitere nützliche Informationen fehlen.

Das Buch von Helmut Hornung wendet sich zwar an Leser ab 12 Jahren, liest sich aber zunächst wie ein normales Sachbuch. Man darf sich nur nicht daran stören, vom Autor geduzt zu werden. Nach einem Viertel des Buches fällt dann aber Felix vom Himmel. Felix ist ein Teenager ohne Eigenschaften, der aus irgendeinem Grund ein Referat über Astronomie halten soll und den der Leser eine zeit lang dabei begleitet, bis er wieder genauso plötzlich für den Rest des Buches verschwindet. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass er sich als Identifikationsfigur für Jugendliche eignet und so verschwindet er auch bald wieder aus dem Buch.

Als weiteres Stilmittel neben den Felix-Passagen baut der Autor immer wieder szenische Darstellungen ein, wie man sie aus dem Fernsehen von Dokumentationen zu geschichtlichen Themen gewohnt ist. Wie im Fernsehen ist dabei auch nie klar, ob sich der Fall nun wirklich so zugetragen hat oder der Autor jeweils nur eine Stimmung und eine bestimmte Aussage transportieren will. Da der Autor mit Quellenangaben geizt, kann dies auch kaum geklärt werden. Wenn er beispielsweise schreibt "Schon Galileo Galilei sah mit seinem einfachen Fernrohr diesen mit 21000 Kilometern Längsausdehnung überdimensionalen Wirbelsturm [gemeint ist der große Rote Fleck des Jupiter]", dann hätte ich dazu sehr gerne die Quellenangabe. Auch spekuliert er, dass Rogerius Baco (Roger Bacon) schon im 13. Jahrhundert das Teleskop erfunden haben könnte: "Nach seinem Tod erschien eine Schrift, in der Rogerius Baco beschreibt, wie er Kinder als Riesen gesehen und Sonne und Mond herangezogen habe." Ich finde das interessant, aber Helmut Hornung sagt mir als Leser nicht, wie diese Schrift heißt und woher er das weiß. Und wer war eigentlich der italienische Gelehrte, der 1672 Algol als Veränderlichen erkannte? Ich denke es war Geminiano Montanari - Wikipedia sei dank. Solche Lücken in der Darstellung historischer Zusammenhänge sind auch der Lesbarkeit des Buches geschuldet und sicherlich nehmen es Jugendliche da nicht immer so genau. Mit unfreiwilliger Ironie kommentiert der Autor die Problematik selbst. Zunächst erzählt er, wie Gustav Robert Kirchhoff und Robert Bunsen die nächtliche Beleuchtung des Heidelberger Schlosses nutzen, um ihre Theorie der Spektralanalyse zu prüfen. Diese Passage endet mit dem Satz: "Das nächtliche Unternehmen soll tatsächlich stattgefunden haben, auch wenn die Handlung hier frei erfunden ist." Ja was nun?

Einen neuen Stil führt der Autor in den Kapiteln über stellare Astronomie ein. Die Sonne selbst erzählt uns ihre Lebensgeschichte. Nicht nur die Sonne, sondern alles wirkt irgendwie merkwürdig animiert. So mögen die Vertreter der Hauptreihensterne im Hertzsprung-Russel-Diagramm die "fetten, massereichen Vertreter dies
es Riesenasts gar nicht", weil "sie arrogant auf unsereins herabblicken." Hier frage ich mich, welche Physik sich hinter solch einer blumigen Formulierung verbirgt. Ist das nur Lust am fabulieren oder will der Autor etwas erklären? Ähnlich geht es auch zu, wenn er die Fusion des solaren Wasserstoffs zu Helium erklärt. Hier heißt es unter anderem: "Keiner gibt nach, beide Gegner sind ja gleich stark. Schließlich sehen sie ein, dass hier nur Verhandlungen helfen." - der Proton-Proton-Zyklus aufgeführt als diplomatisches Theaterstück. Warum dieser Prozess aber eigentlich abläuft bleibt unklar, Energie wird jedenfalls freigesetzt, weil das Produkt masseärmer ist als der eingesetzte Wasserstoff. Dieser so genannte Massendeffekt führt dank Einsteins berühmter Energie-Massen-Äquivalenz rechnerisch zur freigesetzen Energie. Diese Einstein'sche Formel beschreibt der Autor zwar, allerdings ohne sie auszuschreiben. Solcherlei Formelvermeidung ist ein weiterer Punkt, den ich kritisieren muss. Natürlich soll so ein Sachbuch die jungen Leser nicht gleich wieder an ein Schulbuch erinnern, doch gibt es eine handvoll Formeln, um die man redlicherweise nicht herumkommt und welche die Leser auch gerne wieder erkennen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es didaktisch sinnvoller ist, beispielsweise die berühmte Drake-Gleichung aus der Astrobiologie zwar zu beschreiben, aber sie nicht abzudrucken.

Didaktisch sinnvoll wäre auch noch die ein oder
andere zusätzliche Abbildung gewesen. Können sich Astronomie-Novizen wirklich etwas unter der Schleifenbewegung der äußeren Planeten oder den Phasen der Venus vorstellen? Warum nicht einfach eine Abbildung mit der Ansicht des Mars um die Zeit seiner Opposition? Warum nur begeistert über Eta Carinae und den Homunkulus-Nebel schreiben, aber ihn nicht auch zeigen? Ich verstehe auch nicht, warum der Autor zwar auf das "Gespann Cassini-Huygens" eingeht, dann aber keine wirklich aktuellen Bilder aus dem Saturnsystem zeigt.

Gelegentlich rutscht Helmut Hornung auch ins onkelhafte ab, so wenn er darauf hinweist, wie viel schöner es doch ist, auf seinem Computer Astronomie-Programme laufen zu lassen, statt Weltraumballerspiele zu spielen oder Star Wars anzuschauen. Jugendliche, die ihm bis auf diese Seite 297 gefolgt sind, haben solch eine Ermahn
ung nicht nötig. Ein anderes Beispiel ist, wenn er sich hartnäckig weigert, den beliebten englischen Merksatz für die Abfolge der Spektralklassen niederzuschreiben: Also "Oh be a fine girl kiss me" als Eselsbrücke für die Abfolge O, B, A, F, G, K, M. Stattdessen fabuliert er "Opa bastelt am Freitag gern kleine Männchen". Ich würde sagen, seine Zielgruppe spricht hier lieber englisch.

Insgesamt gesehen ist das Buch von Helmut Hornung oft überraschend und unterhaltsam geschrieben. Mir persönlich enthält es aber zu viele sachliche Ungenauigkeiten und keine wirklich konsequente didaktische Konzeption.


Das Buch: Hornung, Helmut "Streifzüge durch das All - Forscher enträtseln ferne Welten"
Reihe Hanser, 320 Seiten ISBN 978-3-423-62370-4, Euro 12,95

"Dunkle Sterne" aus Dunkler Materie

Schwarze Löcher, Dunkle Energie, Dunkle Materie - in der Astrophysik scheint man die großen Unbekannten gerne in düsteren Farben zu malen. Dabei sind diese Begriffe gar nicht schlecht gewählt, denn anders als Sterne oder Planeten geben diese Objekte kein Licht ab, sie verraten sich nur indirekt, beispielsweise durch ihre Masse, also die gravitative Wirkung auf ihre Umgebung.

So exotisch die Dunkle Materie auch ist, selten ist sie nicht, denn 95% der Masse einer Galaxie oder eines Galaxienhaufens bestehen aus ihr. Doch, wenn man sie nicht sehen kann, wie kann man sie entdecken? Wer die Antwort noch nicht weiß, kann sich dieses schöne Stück Astronomie von Vera Rubin persönlich erklären lassen. Ihr verdanken wir frühe Beobachtungen, die auf die Dunkle Materie hinweisen:



Das Video ist Teil einer BBC-Dokumentation: "Most of the Universe is Missing". Leider habe ich keine synchronisierte Fassung gefunden. Die komplette Dokumentation kann in dem Lichtecho-Player unten auf dieser Seite angeschaut werden.

Woraus besteht nun die Dunkle Materie? Ein möglicher Kandidat sind sogenannte WIMPS (Weakly Interacting Massive Particles, also schwach wechselwirkende massive Teilchen). Diese hypothetischen Elementarteilchen besitzen Masse und unterliegen der Schwachen Wechselwirkung, eine weitere fundamentale Kraft neben der Gravitation. Das Besondere an den WIMPS ist, dass sie wie Neutrinos oder Photonen ihre eigenen Antiteilchen sind: Kommen sich zwei WIMPS zu nahe, zerstrahlen sie in Energie, gemäß der Einstein'schen Energie-Masse-Äquvalenz. Dieser Vorgang wird Annihilation genannt.

Geht es nach einer Gruppe amerikanischer Wissenschaftler der University of Michigan fand dieser Prozess in der ersten Sterngeneration nach dem Urknall statt. Materie verdichtete sich zu gewaltigen Kugeln, in deren Inneren die WIMPS durch Annihilation gewaltige Energien erzeugten. Dieser Mechanismus zur Energieerzeugung unterscheidet sich grundlegend von der Kernfusion in heutigen Sterne. Die Wissenschaftler sprechen von Dunklen Sternen (Dark Stars), obwohl diese Sterne sicherlich hell strahlten.

Damit die Annihilation von Dunkler Materie genug Energie liefern kann, muss ein Stern aber mindestens 400 Sonnenmassen haben. Solch eine hohe Dichte von Dunkler Materie ist im frühen Universum aber durchaus gegeben. Geht dem Dunklen Stern im Laufe seiner Existenz der Nachschub an Dunkler Materie aus, kollabiert er vermutlich zu einem Schwarzen Loch.
Bis heute hat man aber diese frühe Sterngeneration (Rotverschiebung z ungefähr 10 bis 50) noch nicht beobachten können.

Die Idee von Dunklen Sternen ist zunächst rein hypothetisch. Die ersten Sterne in unserem Universum entstanden aber jeweils in einem Halo aus Dunkler Materie von über eine Million Sonnenmassen. Es ist also sehr naheliegend zu fragen, welchen Einfluss solch ein Halo auf den ersten Stern hatte. Annihilation Dunkler Materie im Sterninneren ist eine Möglichkeit. Wie jede ordentliche wissenschaftliche Hypothese liefert auch diese eine prinzipiell überprüfbare Vorhersage. Nach dem Modell der Forschergruppe sind die Dunklen Sterne sehr hell, ungefähr eine Million mal leuchtkräftiger als die Sonne, und dabei aber relativ kühl, nämlich 6000 bis 10000 Kelvin. Jetzt muss man sie nur noch finden.

(Quelle: arXiv:0812.4844v1)

Universum live: Das Weltraumradio


"Im Weltraum hört Dich niemand schreien", behauptet der Untertitel von Ridley Scotts SF-Meisterwerk Alien. Dies könnte sich bald ändern, denn die für das Weltraumwetter zuständige Internetseite spaceweather.com bietet einen neuen Service an: Spaceweather Radio. Hier sollen in Zukunft rund um die Uhr "Geräusche aus dem Weltraum" verbreitet werden. Momentan kann das Radargerät eines US-Luftwaffenstützpunkt abgehört werden. Dieses in Texas stationierte Überwachungsradar gibt Alarm, wenn es von einem Meteor überflogen wird. Insbesondere dieses Wochenende, wenn der Meteorschauer der Quadrantiden seinen Höhepunkt erreicht, sind zahlreiche "Pings" zu erwarten - und das bei jedem Wetter!

Für die Zukunft sind weitere Übertragungen geplant, zum Beispiel Strrahlungsausbrüche unserer Sonne. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses Projekt entwickelt, denn ich halte das für eine klasse Idee. Statt den ganzen Tag das Dudelradio laufen zu lassen, kann man in Zukunft dem Weltall lauschen - live!

Prosit Neujahr ... Nachtrag


Ich schulde noch eine Erklärung für das Bild von gestern 12 Uhr. Nein, das war nicht das Feuerwerk von Heidelberg, obwohl dieses Objekt durchaus Teil des Nachthimmels der nördlichen Halbkugel ist. Es befindet sich nämlich im zirkumpolaren Sternbild Kassiopeia. Es handelt sich um das Sternentstehungsgebiet W5, das sich in 6500 Lichtjahren Entfernung befindet. Allerdings wurde das Bild nicht im optischen Wellenlängenbereich aufgenommen, sondern mit dem Weltraumteleskop Spitzer im Infrarotbereich. In diesem Spektralbereich zeigt sich der Staub um die jungen Sterne - jung heißt hier zwei bis drei Million Jahre alt. Der Staub, der diese sonnenähnlichen Sterne umgibt, wird von der Strahlung des massereichen leuchtkräftigen Sterns rechts der Bildmitte abgetragen und zu einem kometenschweifartigen Gebilde verweht. Ob sonnenähnliche Sterne im Umfeld solch eines leuchtkräftigen Sterns am Ende noch genügend Baumaterial für Planeten haben? Astronomen schätzen, dass genug Material bleibt um Innere Planeten zu bilden. Spätestens ab der Entfernung, wie sie unserem Uranus entspricht, wird es aber kritisch.

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