Wird Russland abgehängt?

Wenn 2010 die Ära des Space Shuttle endet, wird die amerikanische NASA erstmal eine schmerzliche Durststrecke durchlaufen. Bis zur Entwicklung des Raumschiff Orion wird das Personal der Internationalen Raumstation auf die russischen Sojus-Kapseln angewiesen sein. Wir Europäer sind es zwar gewohnt, nur im Taxi ins All zu gelangen, aber wenigstens konnten wir uns bisher das Taxi aussuchen. Hier feiert die russischen Weltraumtechnologie einen großen Triumph, könnte man meinen, doch ist dieser Triumph nur ein kurzzeitiger.

"Dabei stehen die Dinge in Russland mit den Sojus-Raumschiffen nicht so gut. Schön, dass die größte Bank Russlands, die Sberbank, nach nervenaufreibenden Verhandlungen doch eingewilligt hat, dem Raketenbauer Energija einen Kredit in Höhe von 2,9 Milliarden Rubel bis zum Herbst 2010 zu gewähren. Dadurch können einige Raumschiffe nach dem alten Modell gebaut werden. Doch was dann?"

So fragt Andrej Kisljakow in einem lesenswerten Beitrag der RIA Novosti, auf den ich hier hinweisen will: Kommt Russlands bemannte Raumfahrt vom Kurs ab?

Die Amerikaner werden mit ihrem neuen Constellation-Programm wohl erstmal alleine zum Mond zurückfliegen. Die Europäer sind zu recht stolz auf ihr System ATV, das zunächst mit einem Hitzeschutzschild für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ausgestattet werden soll, um es dann eventuell sogar als bemanntes Raumflugsystem zu betreiben - endlich ein echtes europäisches Raumschiff. Hinzu kommt die Dynamik des wachsenden privaten Raumflugmarkt. Einen kleinen Eindruck davon vermittelt dieses jüngste PR-Video des Unternehmens Virgin Galactic, in dem vom Testflug des Trägers WhiteKnightTwo berichtet wird. Dieser Träger soll einmal das SpaceShipTwo in große Höhe bringen, von wo aus es sich ausklingt, um in den Weltraum durchzustarten:

So sehr also der Betrieb der ISS in den kommenden Jahren von Russland abhängig sein wird, so wenig Zukunftsweisendes kommt aus dem Mutterland der bemannten Raumfahrt. Zwar hat mich die Entwicklung und der erste Flug des europäischen ATV sehr begeistert, doch frage ich mich, ob es wirklich politisch klug ist, Russland so sehr abzuhängen. Europa sollte seine breiter gewordenen Raumfahrtschultern dazu nutzen, Russland als Partner auf Augenhöhe zu begegnen. Wie schreibt Andrej Kisljakow so schön:

"Da die Aufgaben der heutigen Raumfahrt hohe Ansprüche stellen, kann kein noch so mächtiger Staat sie allein meistern."

Kommentare:

  1. Ist dieser russische Triumph nur ein kurzzeitiger? Das ist doch überhaupt nicht klar! Da werden jetzt Euroamerikanische Träume mit Russischer Realität verglichen.

    Wenn sich dann Probleme einstellen und Deadlines nach hinten verschieben dann wird man bei den Russen zu Kreuze kriechen müssen.

    Und desshalb empfiehlt es sich jetzt schon mal anzufangen ganz ganz nett zu denen zu sein.

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  2. Ich fürchte zu Kreuze wird hier niemand kriechen, denn dafür ist die ISS gar nicht beliebt genug, weder in Amerika, noch in Europa. Sollten russische Forderungen zu unverschämt werden, gibt man die ISS eben auf. Der Schwarze Peter liegt hier eher bei Russland.

    Ja, dieser Triumph ist nur ein kurzzeitiger, wenn Russland nicht mehr zu bieten hat als immer nur neue Versionen desselben Systems.

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  3. Heute meldet Spiegel-Online: "Russland will neue Raumfähre entwickeln" (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,617665,00.html). Für mich klingt der Artikel wenig konkret, mehr wie eine reine Absichtserklärung. Man erfährt nicht, ob es eine größere Sojus-Variante werden soll oder doch eine Raumfähre. Es wäre jedenfalls wirklich wünschenswert, wenn man meine Frage "Wird Russland abgehängt?" verneinen muss.

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