Das Universum, ausnahmsweise mal ganz lokal betrachtet

Deutschland ist ein sehr unbedeutender Teil des Universums und somit ist Deutschlands Zustand völlig egal. Dummerweise sind wir aber in diese D-Raumzeitblase eingeschlossen, selbst auswandern verlagert hier nur das Problem. Also machen wir aus der Not eine Tugend und versuchen wir durch die Teilnahme an den Wahlen die D-Blase komfortabler für uns einzurichten. Blöd nur, dass es kaum jemanden gibt, den man in D wählen könnte. Unser Problem beschreibt Michael Miersch für den Cicero in einer so dermaßen klaren und treffenden Sprache, dass ich mich zu diesem Out-of-Topic-Beitrag hinreißen lasse: Deutschland fehlt eine Fortschrittspartei.

Diese Einsicht verdankt er der amerikanischen Newsweek, die festgestellt hat, dass kein westliches Land so technologiefeindlich ist, wie Deutschland. Das jüngste Negativbeispiel hierfür liefern die Grünen, die kurz vor den Wahlen ihre Lieblingssau durchs Dorf jagen: Studie sieht erhöhtes Leukämierisiko für Kinder. Der Spiegel, Deutschlands hysterisches Nachrichtenmagazin, hilft mit dieser tendenziösen Überschrift eifrig beim Sautreiben mit, um dann im Beitrag zu schreiben:
"Von einem letztgültigen Beweis will der Forscher allerdings nicht sprechen: Aufgrund der Vielzahl von Risikofaktoren könne man keine direkte Kausalbeziehung zwischen Krebserkrankungen und Atomkraftnutzung herstellen."
Aber zurück zum Thema. Michael Miersch schreibt in seinem Beitrag:
"Eine mächtige Koalition aus Öko-Aktivisten, Pfarrern, Politikern und Journalisten hat es geschafft, dass die Deutschen neue Technologien nicht mehr als Chance, sondern nur noch als Risiko betrachten."
Man stelle sich vor, heute würde das Farbfernsehen eingeführt werden, wie weiland 1967 durch Willy Brandt und seinem symbolischen Knopfdruck. Was würde geschehen? Die Grünen würden sofort eine Studie wegen des vermeintlichen Leukämierisikos in der Nähe von Farbfernsehern in Auftrag geben, die SPD würde dem Farbfernsehen nur zustimmen, wenn der Hartz IV-Regelsatz dafür erhöht wird. Für die CDU muss das Farbfernsehen zentral gestoppt werden können, wenn mehr Farben erscheinen, als Zensursula oder die Kirchen vertragen (man stelle sich vor, die Menschen würden sehen, wie farbig die Welt im Diesseits ist). Die Linken würden das Farbfernsehen verbieten, weil die Geräte von wenigen Monopolisten des Militärisch-Industriellen-Komplex geliefert werden (wer Farbfernseher bauen kann, kann auch Panzer bauen, ist ja logisch). Die FDP als fortschrittlichste Partei Deutschlands hält einfach die Klappe. Erstens fragt sie keiner, denn die Journalisten fühlen sich von der hysterischen Stimme viel stärker angezogen, als von der vernünftigen, und zweitens ist die FDP zu fantasielos, als dass sie sich an den Rockzipfel einer anderen Partei als der bürgerlichen hängen will und mit denen will man es sich ja nicht verscherzen. Ergo, kein Farbfernsehen für Deutschland. Solange wir nicht gegen Österreich Fußball spielen ist das eigentlich sowieso unnötig, denkt das abgehängte Prekariat.

Nun sind aber nicht alle Deutschen hysterische Schöngeister, die Karottenmümmeln für eine ausfüllende Ganztagestätigkeit halten und die Dynamik der restlichen Welt für pathologisch. Was ist mit den Menschen, die die Nase voll haben von den Fortschrittsverweigeren, den Nichtsblickern, hochbezahlten dauerbeferienten Lehrern und alternativen Natur- und Geistheilern? Für sie schreibt Michael Miersch einen Absatz, der eine überaus treffende Analyse darstellt:
"Große Teile der sogenannten technischen Intelligenz – Ingenieure, Naturwissenschaftler, Techniker – haben sich frustriert aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie zappen weg, wenn politische Magazine im Fernsehen laufen, und schauen nur noch selten in die Zeitungen, weil sie dort nichts weiter zu erwarten haben als die nächste Hysterie. Sie fühlen sich fremd im eigenen Land – obwohl sie den Wohlstand dieses Landes zu einem Großteil erwirtschaften. Sie erhoffen nichts mehr von den Parteien, weil sie zu oft erlebt haben, wie Politiker die Ängste bedienen, die technophobe Aktivisten schüren."
"Deutschland kann es besser" ist der Wahlkampfslogan der FDP und greift auch den Beitrag von Michael Miersch ausführlich auf: Über die Wissenschaftsfeindlichkeit. Diese kleine, aber im Unterschied zu den Piraten doch äußerst etablierte Partei, hat tatsächlich gute Chancen hier in eine politische Lücke einzudringen, die durch die Vergrünisierung der anderen Parteien gerissen wurde und so ein Thema für sich zu besetzen. Ob die Liberalen diese Chance wirklich ergreifen werden ist für mich die spannendste Frage in diesem Wahlkampf.



Ursprünglich gefunden in: Telepolis

Kommentare:

  1. Lieber Stefan,
    nun bin ich doch ganz schön enttäuscht, ob eines solchen Artikels. Vielleicht wäre es einfacher gewesen: "Wählt FDP!!" und "Kauft das Zeug von Miersch!!" zu posten?
    Die FDP hat doch nur dann Interesse an Wissenschaft und Forschung, wenn diese verspricht sich alsbald in bare Münze auszuzahlen.
    Offenbar werden die Leute durch andere Dinge mehr bewegt - was bedeutet, dass sie auch politisch "verfügen", wieviel Geld wofür wohin fliesst. Zumindest alle paar Jahre.
    Unabhängig davon, dass Studienergebnisse heute allenthalben falsch dargestellt werden, insbesondere dann wenn sie mit Gesundheit / Krankheit zusammenhängen, ist es wohl alles andere als fortschrittsfeindlich, den Atomausstieg zu wollen. Ganz im Gegenteil. Der einzige Grund, Atomenergie wieder zu fördern oder zu befürworten ist: Geld. Atomenergie hat nichts, aber auch gar nichts fortschrittliches. Zukunftstechnologie sieht doch wohl anders aus.
    Und zu Miersch: ich finde, der sollte keinen Platz finden in diesem sonst so tollen Blog. Dieses von der Industrie bezahlte Mietmaul ist keiner Erwähnung wert - nirgendwo.
    "Springers ausgewachsener taz-Volontär"
    wurde Miersch u.a. mal treffend genannt. Ich kann nur den Kopf schütteln über diesen Ausreisser hier, bei dem es hoffentlich bleibt :-(.

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  2. @Jochen. Wen Du wählst ist mir schnuppe und ob Herr Miersch etwas zu verkaufen hat, weiß ich nicht. Dass die FDP zumindest in Sachen Raumfahrt eine fortschrittliche Position einnimmt kannst Du auch in der feinen Serie "Die Positionen der Parteien zur Raumfahrt" auf http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/ nachlesen. Das Forschung sich auch in bare Münze auszahlen soll ist doch normal. Selbst das Geld für Raumfahrt wird auf der Erde ausgegeben.
    Der Tenor des Posts, bzw. des Artikels von Miersch, ist aber doch die Verärgerung über die irrationale Technophobie, die dieses Land durchweht und da hat der Mann nunmal einfach recht.
    Dass auch andere Methoden der Energiegewinnung fortschrittlich sein können ist ja logisch. Hier geht es aber darum, dass Ängste der Menschen ausgenützt werden, um Politik gegen eine Technologie zu machen, die man nicht haben will (egal, ob aus gutem oder schlechten Grund). Damit schürt man eine Stimmung der Technologiefeindlichkeit oder wie Miersch schreibt, dass nunmal "... Politiker die Ängste bedienen, die technophobe Aktivisten schüren."

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  3. Ich sehe gar nicht, woran diese "irrtionale Technophobie" denn festgemacht wird? Es ist eine Behauptung - nicht mehr. Damit wird doch "nur" die Verärgerung darüber ausgedrückt, dass andere Dinge für wichtiger gehalten werden als Raumfahrt und Co., - gemessen in Geld. Wenn man in Deutschland also anders gewichtet, ist das Technophob? Das mag vielleicht ignorant sein, meinetwegen auch eine Fehlgewichtung - aber Fortschrittsfeindlichkeit vorzuwerfen, dafür fehlt es einfach auch Miersch an Begründung. Und Politik richtet sich nunmal doch im Großen und Ganzen danach, was der Wähler (mutmaßlich) erwartet. Diesem sind andere Themen offenbar derzeit wichtiger, und ich halte es für wagemutig zu behaupten, dass das lediglich auf Angst beruht, zumal auf irrationaler.

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  4. Doch doch, Beispiele von Technophobie werden von Miersch durchaus gegeben, auch wenn er das Problem eher als bekannt voraussetzt, was ich eigentlich auch tue. Ich vermute ein Wort wie "Handystrahlung" findet man auch nur in deutscher Sprache (so wie die Franzosen auch von "Le Waldsterben" sprechen).
    Es geht hier auch nicht um die Frage nach mehr Geld für die Forschung, sondern einfach um die Feststellung, dass Begriffe wie "Aufklärung" und "Fortschritt" in den meisten etablierten Parteien keine Lobby mehr haben. Das Thema ist: "Deutschland fehlt eine Fortschrittspartei". Dem stimme ich zu.

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