Wann war die Erde flach?

Die Schweiz lebt direkte Demokratie. Wohin es führen kann, wenn jeder Depp mitreden darf, werden wir wohl Mitte Mai erfahren. Dann kann es passieren, dass medizinische Scharlatanerie, Komplementärmedizin genannt, in die Verfassung der Eidgenossen aufgenommen wird. Nun bin ich kein Schweizer und mir daher nicht ganz über die Konsequenzen im Klaren. Es geht wohl zum einen um die Frage, welche Leistungen dann von der Krankenkassengrundversicherung übernommen werden müssen und ob es Lehrstühle für Homöopathie und dergleichen an Schweizer Universitäten geben wird.

Ein geistreicher und vehementer Kritiker der Komplementärmedizin ist der Immunologe Professor Beda Stadler aus Bern. Ein lesenswertes Interview mit ihm findet sich auf der Seite suedostschweiz.ch: "Homöopathie ist so wirksam wie Uriellas Badewasser".

Warum ich davon berichte? Professor Stadler bemüht einen Mythos, der gerne herangezogen wird, um den wisenschaftlichen Fortschritt zu illustrieren. Die Behauptung bedarf, wie die Komplementärmedizin auch, einer kritischen Betrachtung:
"Früher einmal glaubten 99,9 Prozent der Menschen, die Erde sei flach. Dass sie rund ist, weiss die Menschheit heute dank wissenschaftlicher Untersuchungen und entsprechender Information."
Hier frage ich mich, ob es wirklich nachweislich eine Zeit gab, in der fast alle Menschen die Erde für flach hielten. In seinem Buch Inventing the Flat Earth geht der Historiker Jeffrey Burton Russell diesem Problem nach. Nach seiner Aussage glaubte kein gebildeter Mensch in der griechisch-römischen Antike an eine flache Erde. Die Kugelgestalt der Erde findet sich sogar schon bei Pythagoras im 6. Jahrhundert vor Christus. Das Weltbild des Aristoteles zementiert die Kugelgestalt, denn seiner Ansicht nach strebt die Materie zum Erdmittelpunkt (in unterschiedlich starker Weise, je nach Zusammensetzung aus den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer). Die Erde ruht also in der Mitte des Kosmos und da die Materie von allen Seiten auf die Erde zuströmt, muss sie kugelförmig sein.

Beobachtungen geben Aristoteles recht:
  1. Am Horizont versinkt zuerst der Rumpf, dann das Segel eines Schiffs. (Ist das eigentlich ein reines Gedankenexperiment oder hat das wirklich jemals einer gemessen? Schließlich braucht man eine sehr gute Horizontsicht, damit das Schiff nicht einfach im Dunst verschwindet.)
  2. Der Erdschatten ist bei einer Mondfinsternis immer kreisförmig.
  3. Wandert man nach Süden, ändert sich die Höhe der Sternbilder: Neue Sternbilder erscheinen am Südhorizont, während bisher zirkumpolare Sternbilder untergehen.
Vielleicht denkt Herr Stadler mit "früher" auch gar nicht so weit zurück. Schließlich spricht man ja vom "Finsteren Mittelalter". Jeffrey Burton Russell stellt aber klar, dass auch die Christianisierung in Europa nichts daran änderte. Abgesehen von einer handvoll Geistlicher, die diesbezüglich auch von ihren Zeitgenossen nicht ernst genommen wurden, blieb die Erde kugelförmig. Ein lesenswerter Artikel zum vermeintlich "Finsteren Mittelalter" findet sich auf spiegel-online: Wie die Erde zur Scheibe wurde. In dem Artikel geht es um den Romanisten Reinhard Krüger von der Universität Stuttgart und seinem Kampf gegen dumme Vorurteile gegen das vermeintlich dumme Mittelalter:
"Was Krüger erstmals in einer breit angelegten Untersuchung beweist: Kein kirchlicher oder weltlicher Gelehrter in Spätantike und Mittelalter glaubte, die Erde sei eine Scheibe - mit Ausnahme des ägyptischen Mönchs Kosmas Indikopleustes und der Kirchenväter Laktantius und Severianus von Gabala. Deren Weltsicht galt jedoch stets als abseitig und wurde im Mittelalter nicht gelehrt - bis neuzeitliche Gelehrte verstreute Dokumente von Laktantius und Indikopleustes fanden, ihnen zu unverdienter Aufmerksamkeit verhalfen und so den Mythos vom scheibengläubigen Mittelalter schufen. "
Ausgerechnet Nikolaus Kopernikus war einer dieser neuzeitlichen Gelehrten. Er erwähnt den eigentlich vergessenen Laktantius in seinem Hauptwerk über den Heliozentrismus. Damit steht Kopernikus mit am Beginn einer Geschichtsverzerrung, die sich von der Renaissance bis zur Aufklärung fortsetzt: Um der Bedeutung der eigenen Zeit und ihrer wissenschaftlichen Errungenschaften Nachdruck zu verleihen, muss die Vergangenheit möglichst ungebildet dargestellt werden. Damit auch der einfachste Leser von der Sache des Fortschritts überzeugt werden kann, gilt es eben einen möglichst großen Kontrast herzustellen. Dazu wertet man die Leistungen der eigenen wissenschaftlichen Epoche auf und die angeblich vorwissenschaftliche Epoche ab.

Diese Methode wählte auch der Schriftsteller Washington Irving (1783-1859). In seinem historischen Roman über Christoph Kolumbus erhebt er den Entdecker zu einer modernen Lichtgestalt, die das finstere Spanien verlässt, um in eine neue Welt aufzubrechen, in der der Verstand eines Mannes mehr wiegt, als Aberglaube und Unvernunft. Für diesen literarischen Kunstgriff ist es notwendig, die dummen, mittelalterlichen Spanier der alten Welt (und alten Zeit) an die Flachheit der Erde glauben zu lassen. Auch die Matrosen drohen in dem Roman zu meutern, weil sie fürchten, über den Rand hinauszusegeln. Insbesondere letzteres Bild findet sich gerne in der Populärkultur geschildert. Die Wirkung dieses Romans von Washington Irving steckt im Untertitel des bereits erwähnten Buches von Jeffrey Burton Russell: Inventing the Flat Earth - Columbus and Modern Historians.

Wie Reinhard Krüger auch, sieht Russell diese Geschichtsfälschung als Teil der neuzeitlichen Propaganda - ironischerweise wird also ausgerechnet für die Wissenschaft ein Mythos aufgebaut. Dazu schreibt Jeffrey Burton Russell:
"The answer is that the falsehood about the spherical earth became a colorful and unforgettable part of a larger falsehood: the falsehood of the eternal war between science (good) and religion (bad) throughout Western history."
Nichts anderes macht Beda Stadler, wenn er in seinem Interview über den Unfug der Homöopathie andeutet, dass Homöopathieglaube auf Unwissenheit beruht (was ja stimmt), so wie unsere unwissenden Vorfahren an die flache Erde glaubten (was eben nicht stimmt). So werden Homöopathiegläubige zu, dem vermeintlich finsteren Mittelalter verhafteten, Spaniern, während Wissenschaftler wie Professor Stadler uns als die modernen Navigatoren zu neuen Ufern führen.

In dem Interview sagt Stadler dann weiterhin:
"Die Wissenschaft spendet heute Lebenssinn – das wollen viele Leute nicht wahrhaben. Sie klammern sich stattdessen am Glauben fest. Religion ist übrigens heilbar."
Damit verlässt er die eigentliche Diskussion und betrachtet den großen Kulturkampf ganz im Sinne des vorhergehenden Russell-Zitats.

Was den Volksentscheid in der Schweiz anbelangt, gibt sich Stadler dann aber bescheiden:
"20 Prozent Gleichgesinnte würden mir in der Tat reichen. Ich wäre stolz, wenn sich zeigt, dass wenigstens ein Fünftel der Schweizer noch alle Tassen im Schrank hat."
Ich fände es traurig, wenn es nicht deutlich mehr Stimmen gegen die Komplementärmedizin werden, doch ist es wenigstens tröstlich, dass sicherlich 99% der Schweizer die Erde für eine Kugel halten - oder etwa nicht?

Kommentare:

  1. Ja, noch jeder grosse Held macht sich seinen Drachen selbst...

    Die eigentliche Frage ist aber nicht, ob Homöopathen Scharlatane sind, sondern ob 'richtige' Ärzte es nicht sind!

    Also, sowas kann man ja schlecht auf den Abstimmungszettel schreiben. Und desshalb brauchen wir die Homöopathen. Denn ihre Dosierungsmethode macht sie für den Patienten eher harmlos. Für Pharmaindustrie und Ärztebünde aber sind sie eine lethale Gefahr.

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  2. Nein, das ist nicht die eigentliche Frage.

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  3. für Dich vielleicht nicht, aber für die Schweizer schon :-)

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  4. Tatsächlich geht von der Homöopathen-Industrie (auch da steht eine Industrie dahinter) eine relative, gelegentlich unterschätzte Gefahr aus: Menschen verzichten aufgrund falscher Information, seltsamen Heilsversprechen und undurchsichtiger Behandlungsmethoden immer wieder auf den Gang zum (wenn schon) Hochschulmediziner. Das kann dann positiv sein, wenn nicht mehr jeder Schnupfen mittels richtigen Medikamenten bekämpft wird, und die Leute stattdessen ein selbstfinanziertes Zuckerle zu sich nehmen. Okay, jeder wie er es mag. Es ist aber immer dann fatal, wenn wirklich wirksame medizinische Behandlung (zu) spät ansetzen kann, weil man allzulange an sich selbst "herumtherapiert" hat mit Unterstützung von Heilpraktikern, Geistheilern, Körperenergieberatern usw. . Ganz zu schweigen von der Phytotherapie, die ja nun tatsächlich Wirkung UND Nebenwirkungen hat. Das schadet dann nicht nur dem Geldbeutel, sondern u.U. erheblich der eigenen Gesundheit. Nicht durch die Behandlung oder gar die unwirksamen Mittel der selbsternannten Heiler, sondern durch die Verzögerung bis zum Einsatz angemessener Therapie.

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  5. Ein interessanter Beitrag und eine seltsame Abstimmung, die die Schweizer da durchführen. Ich denke allerdings auch, dass der springende Punkt weniger in der Frage liegt, was man von Alternativmedizin hält, sondern, was man in eine Verfassung schreibt. Eine Verfassung ist ja schließlich kein Wunschkatalog des Massenzeitgeistes. Was könnte man sonst noch reinschreiben? Das Recht auf Horoskope, alle Spiele der Bundesliga frei empfangbar, keine Gechwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen? Was bei dieser Abstimmung zur Debatte steht, ist nicht die Medizin. Es ist die Bedeutung einer Verfassung.

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