Die Vermessung der Welt


Mit seinem Buch Vermessung der Welt hat Daniel Kehlmann das Kunststück fertig gebracht, einen Roman über zwei deutsche Naturwissenschaftler der Spätaufklärung in den Bestsellerlisten unterzubringen. Darüber kann man nur staunen, ist das Thema doch ziemlich sperrig: Der Roman beginnt im Jahre 1828 mit dem Besuch Carl Friedrich Gauß bei Alexander von Humboldt in Berlin. Der eine gilt als "Fürst der Mathematiker", der andere als berühmter Entdecker, nach dem so viele Flüsse, Berge und andere geographische Merkmale benannt sind, wie nach sonst niemanden. Kann so ein Buch spannend sein? Tatsache ist, dass ich es in kürzester Zeit verschlungen habe. Dies liegt zum einen an dem schnörkellosen Schreibstil Daniel Kehlmanns, der sich auf das Wesentliche konzentriert und beispielsweise bei den Reisen Humboldts auf lange Landschaftsbeschreibungen verzichtet. Der Text ist meist ganz nah bei den beiden Protagonisten Gauß und Humboldt, nur was sie erleben und ergründen hat Relevanz. Zum anderen aber liegt es an der spannenden Gegensätzlichkeit der beiden Forscher, die Daniel Kehlmann geschickt konstruiert hat.

Das erste Kapitel, in dem sich diese beiden schon zu Lebzeiten berühmten Forscher im Jahre 1828 begegnen, eröffnet das Spannungsfeld, das den Rest des Buches durchzieht. Beide Männer haben ihre größte Tat bereits hinter sich gebracht und werden sich ihres Alters bewusst, doch von dieser Gemeinsamkeit abgesehen, könnten ihre Charaktere unterschiedlicher nicht sein. Nachdem Daniel Kehlmann dies mit seinem Eröffnungskapitel hinreichend dargestellt hat, kann er nun in einem Rückgriff die Biographien der beiden Forscher im Wechsel nacherzählen. Was erlebt der Stubenhocker Gauß, während der dynamische Humboldt den Orinoko befährt und warum gelten am Ende beide als berühmte Naturforscher? Dabei sollte man dieses Buch aber nicht als Doppelbiographie auffassen. Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt stehen in diesem Roman exemplarisch für unterschiedliche Haltungen und Sichtweisen - sie sind Romanhelden, gute Biographien über beide haben andere geschrieben.

Carl Friedrich Gauß kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Er ist ein Wunderkind und hat das Glück frühzeitig entdeckt und durch Stipendien gefördert zu werden. Eine Entwicklung, die von Zufällen geprägt ist. Das junge Genie Gauß dankt es seinen Förderern früh, indem er schon als junger Mann mit seinem zahlentheoretischen Hauptwerk sein größtes Vermächtnis an die Nachwelt schafft. Den Rest seines Lebens verbringt er in Lethargie. Durch den frühen Tod seiner einzigen echten Liebe hat er auch dieses Kapitel hinter sich gebracht. Er streift als Landvermesser durch die Gegend und erhält später einen Altersruhesitz in der Göttinger Sternwarte. Im Roman begegnet er uns als unglaublich übellauniges, kautziges Genie, das unter großem inneren Leid seine jugendlichen Geisteskräfte schwinden sieht. Als junges Genie litt er an seinem großen Verstand, da ihm alle anderen Menschen langweilig und geistig träge vorkamen, als älterer Herr leidet er an dessen verschwinden.

Alexander von Humboldt hingegen ist kein geborenes, sondern ein gemachtes Genie. Sein Erfolg und der seines nicht minder berühmten Bruders ist von deren Mutter minutiös geplant. Beide werden nach dem Ideal der Weimarer Klassik erzogen, beide sind Kraftkerle, wie sie Friedrich Schiller in seinen Theaterstück Die Räuber forderte. Für Humboldt ist Forschung nicht Genie sondern Leiden, für seine Entdeckungsreisen härtet er sich schon früh ab. Mit seiner körperlichen Stärke und seinem strengen preußischen Willen überzieht er die Welt mit Zahlen und um so mehr er dabei leidet, desto wertvoller die Erkenntnis. Er besteigt Berge, nicht der Aussicht wegen, sondern um Luftdruck und Temperatur zu messen. Er zeigt so beispielsweise, dass sich die bekannte Abfolge der Ökosysteme nach geographischer Breite in der Höhe wiederholt. Diese an sich lobenswerte und konsequente Haltung eines mit modernsten Messgeräten ausgestatteten Forschers nimmt in Daniel Kehlmanns Roman oft die Form des wahnhaften an. Eine Beobachtung, eine Messung rechtfertigt für Humboldt jedes Leid und jede Qual. Dabei bleibt Humboldt aber doch klassizistisch distanziert von der Natur: noch schlimmer als die Sklaverei empfindet er die Vorstellung, der Mensch stamme vom Affen ab. Ein Gedanke kann für ihn sündiger sein, als eine offensichtliche Ungerechtigkeit.

Wenn Daniel Kehlmann später im Buch die Begegnung von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß fortführt, wird deutlich, wie sehr sie sich in der Einschätzung ihrer Zeit unterscheiden. Der weitgereiste Humboldt ist zeitlich stehen geblieben. Er hält die Natur für weitestgehend vermessen, nur das Problem mit dem Magnetismus sei noch zu lösen. Liegen im Inneren der Erde mehrere Stabmagneten vor, die das Erdmagnetfeld erzeugen oder ist es nur ein einziger? Der stets daheim gebliebene Carl Friedrich Gauß wischt diese Frage Humboldts weg, da sie ja nicht zu entscheiden sei, denn mehrere kleine Stabmagneten verhalten sich ja wie ein großer. Er hat von der Welt nichts gesehen, lebt aber in der Überzeugung in der falschen Zeit gefangen zu sein; gefangen in einer Zeit, die noch gar nichts weiß. Im Roman tritt er vor die Göttinger Sternwarte und hat eine Vision von Glastürmen und Autos, wie sie heute in Göttingen vor der Sternwarte stehen.
"Aber während die ersten Vororte Berlins vorbeiflogen und Humboldt sich vorstellte, wie Gauß eben jetzt durch sein Teleskop auf Himmelskörper sah, deren Bahnen er in einfache Formeln fassen konnte, hätte er auf einmal nicht mehr sagen können, wer von ihnen weit herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben."
Alexander von Humboldt, vielgereist aber verhaftet in seiner Zeit, macht sich auf, in seinem Monumentalwerk Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung sein Wissen zu dokumentieren; ein Wissen, das schon bei erscheinen des Werkes teilweise antiquiert war.
Carl Friedrich Gauß, nie gereist und sich immer der Zukunft zugehörig fühlend, entdeckt in dem jungen Experimentalphysiker Wilhelm Weber einen geistigen Sohn. Er fördert ihn und erhascht so einen Blick auf das Kommende, zum Beispiel durch den Bau eines Telegraphen, mit dem er sich mit Weber quer durch Göttingen unterhält.

Die Synthese zwischen Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt findet sich gewissermaßen in Gauß Sohn Eugen. Er ist der "normale" Mensch, in dem sich der Leser wohl am ehesten wiederfindet. Von seinem Vater wegen seinem mangelndem Genie fallen gelassen gerät er in die Fänge des preußischen Polizeistaats. Er wird zur Ausreise gezwungen, was er letztlich als große Befreiung empfindet. Zusammen mit einem Iren macht er sich auf nach Amerika, ein Geschäft zu gründen, die alte Welt seines Vaters und der Brüder Humboldt hinter sich lassend. Für Eugen räumlich so weit weg, wie für uns zeitlich.

Der Roman Die Vermessung der Welt ist sicherlich kein Muss. Ich kann ihn aber uneingeschränkt empfehlen, zumal er auch sehr viele komische Stellen hat, auf die ich gar nicht eingegangen bin. Die soll jeder für sich entdecken.

Daniel Kehlmann Die Vermessung der Welt Rowohlt Verlag, gibt es beim freundlichen Buchhändler um die Ecke oder hier bei amazon.

Das Auge des Himmels

Credit: ESO

Die europäische Südsternwarte ESO veröffentlichte heute dieses schöne Bild des Helix-Nebel, NGC 7293. Gewonnen wurde es mit der Weitwinkelkamera WFI am 2,2-Meter-Teleskop der ESO auf La Silla, Chile. Beim Helix-Nebel handelt es sich um einen Planetarischen Nebel. Darin regt der heiße Überrest eines Sterns, ein so genannter Weißer Zwerg, mit seiner ultravioletten Strahlung Gase zum leuchten an. Dieses Gas- und Staubmaterial hat er zuvor an seine Umgebung abgestoßen. Im inneren Bereich leuchten blau-grünlich Sauerstoffatome, der äußere Ringe wird vom rötlichen Leuchten von Wasserstoff und Stickstoff dominiert. Dazwischen ist ein Ring aus "Knoten" zu sehen, die einen kometenartigen Schweif besitzen, der vom zentralen Sternüberrest radial weggerichtet ist. Die Natur dieser Knoten ist nicht geklärt, natürlich sind es aber keine Kometen, denn die Größe solch eines Knotens entspricht in etwa unserem Sonnensystem. Eine Abbildung dieser Knoten im Helix-Nebel gelang 1996 mit dem Weltraumteleskop Hubble:


Die neue Aufnahme der ESO zeigt den Nebel in seiner gesamten Schönheit. Er ist circa 700 Lichtjahre von uns entfernt und am Himmel in etwa ein Viertel so groß der Vollmond. Der Nebel liegt im Sternbild Aquarius (Wassermann). Die Aufnahme setzt sich aus drei Bildern mit verschiedenen Farbfiltern zusammen: Blau, bei einer Belichtungszeit von 12 Minuten, grün mit 9 Minuten und rot bei 7 Minuten Belichtungszeit.
Eine 1,2 MB große Version der Aufnahme kann hier runtergeladen werden. Dabei erkennt man auch im inneren Bereich zahlreiche Hintergrundglaxien, deren Licht durch den Nebel durchscheint.

Das Beste zum Schluss: Die ESO zeigt nicht nur "Pretty Pictures", sondern den Helix-Nebel auch in seiner natürlichen Umgebung. Machen wir uns in diesem Video auf zu einem Flug durch das Sternbild Aquarius zum Helix-Nebel

E-Day: Sinnvoll oder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?


Christi Himmelfahrt ist ein Feiertag, den wir in Deutschland bundesweit begehen, obwohl kaum noch jemand an die Himmelfahrt Christi glaubt. Die Giordano Bruno Stiftung, eine "Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus", fordert daher, diesen Feiertag den konfessionsfreien, aufgeklärten Menschen dieses Landes zur Verfügung zu stellen. Schließlich sei es ungerecht, dass die Christen gleich mehrer Feiertage im Jahrslauf begehen können, hingegen die schweigende Mehrheit der Nichtgläubigen keinen Tag für sich haben. Ein bundesweiter Evolutionstag soll dieses Missverhältnis wenigstens etwas gerade rücken - Weihnachten feiern wir ja alle gerne wieder zusammen, der Geschenke wegen.

Die Forderung nach einem Evolutionstag fällt natürlich nicht zufällig in dieses Jahr, denn schließlich jährt sich der Geburtstag Charles Darwins zum zweihundertsten mal und das Publikationsdatum seines Hauptwerks über die Evolutionstheorie zum 150. mal.
Die Begründung der Giordano Bruno Stiftung zu diesem Vorstoß kann auf der Seite darwin-jahr.de/e-day nachgelesen werden. Dort heißt es unter anderem:
Am „Evolutionstag“ soll gefeiert werden, dass wir endlich den kindlichen Narzissmus überwunden haben, der uns dazu verleitete, unsere Art als „Krone der Schöpfung“ zu betrachten. Schließlich wissen wir heute, dass wir nur eine von Millionen Lebensformen auf diesem Staubkorn im Weltall sind. Und so stolz wir auch immer auf unsere „kulturellen Leistungen“ sein mögen, im Grunde sind wir kaum mehr als die „Neandertaler von morgen“.
Auf dieser Seite findet sich auch ein Link zu einer entsprechenden Petition.

Was ist davon zu halten? Die Giordano Bruno Stiftung ist kein skurriler Haufen, sondern kann in ihrem Beirat eine illustre Gesellschaft interessanter Persönlichkeiten vorweisen: Vom Comic-Zeichner Ralf König, über den renommierten Hirnforscher Wolf Singer bis hin zu dem von mir überaus verehrten Philosophen Bernulf Kanitscheider. Dennoch erscheint mir persönlich das Ganze eher ein Marketing-Gag zu sein, um die Idee des Humanismus und der Aufklärung in die Medien zu tragen. Feiertage werden von den meisten Menschen eh nicht im Geiste dieser Tage begannen, sondern sind lediglich zusätzliche Urlaubstage. Ob so ein Tag nun Christi Himmelfahrt heißt oder nicht, interessiert genauso wenig, wie dass der Sonntag Sonntag heißt. Wird nun an einem Tag im Jahr von Staats wegen an Charles Darwin und die Folgen gedacht, drohen nur dieselben beliebigen Sonntagsreden der Politik und dieselben Feierlichkeitsrituale, die diesen Tag ganz schnell für die Menschen wieder uninteressant machen. Kritisches Denken im Geiste der Aufklärung und des Humanismus ist aber eine Haltung, die jeden Tag gelebt werden will. Wie der rechtgläubige Christ nicht nur am Sonntag betet, ist auch der Selbstdenker täglich aufgerufen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.
Trotzdem: Als Mittel um in die Medien zu kommen, finde ich diesen Vorstoß witzig und originell. So, wie auch dieses Video zum Evolutionstag:

Die Supernova aus dem Eis

SN 1006 Supernovaüberrest
Credit: NASA, ESA, Zolt Levay (STScI)

Im Jahre 1006 leuchtete eine neuer Stern am Himmel. Die Supernova SN 1006 ist vermutlich die hellste Supernova in der geschriebenen Geschichte. Paradoxerweise markiert eine Supernova aber nicht einen neuen Stern, sondern vielmehr das Ende eines alten. Die Todeszuckungen sind dabei so heftig, dass ein vorher unscheinbarer Stern plötzlich hell aufleuchtet. Heute sehen wir an dieser Stelle einen sogenannten Supernova-Überrest, der im Falle von SN 1006 einen Durchmesser von etwa sechzig Lichtjahren hat. Die Aufnahme oben zeigt ein Komposit aus Röntgenstrahlung (blau), optisches Licht (gelb) und Radiostrahlung (rot). SN 1006 befindet sich im Sternbild Lupus in circa siebentausend Lichtjahren Entfernung.

Eine Gruppe japanischer Wissenschaftler teilt nun mit, dass sie Spuren dieser Supernova und auch der Supernova SN 1054 in einem Eisbohrkern der Antarktis nachgewiesen haben. Der Supernovaüberrest von SN 1054 ist übrigens der berühmte Krebsnebel.

Eisbohrkerne sind in der Klimaforschung beliebte Forschungsobjekte, da sie die Atmosphäre aus früheren Zeiten konservieren. In diesen eisigen Archiven sind sowohl langfristige Änderungen in der Atmosphärenzusammensetzung abzulesen, wie auch kurzzeitige Ereignisse, zum Beispiel Vulkanausbrüche. Nun ist es so, dass auch Supernovae auf unsere Atmosphäre einwirken. Die Gammastrahlung, die diesen gewaltigen kosmischen Ereignissen entstammt, führt letztlich zur Bildung von Nitrat-Ionen NO3-. In einem 2001 gewonnen Eisbohrkern konnten die japanischen Forscher nun zeitlich eng begrenzte Konzentrationsspitzen dieser Ionen nachweisen, bei denen zwei mit den Zeitpunkten der Supernovae SN 1006 und SN 1054 korrelieren:

Credit: Yuko Motizuki, et al.

Hat man erstmal Vertrauen in diese Methode gewonnen, kann der dritte Peak als Supernova interpretiert werden, für die keine historische Aufzeichnung vorliegt, zum Beispiel weil sie zu weit südlich stattfand.

Zusätzlich zu den singulären Ereignissen der Supernovae schwankt die Kurve mit einer Periodizität, die dem 11-jährigen Sonnenaktivitätszyklus entspricht. Unsere Sonne hat nämlich zwei Gesichter: Einerseits gibt es die "ruhige" Sonne, die kontinuierlich Energie aus ihren reaktiven Kern ableitet und eine "aktive" Sonne, die mit einer Periode von elf Jahren zu heftigen Energieausbrüchen neigt. Die Zahl der Sonnenflecken ist hierfür ein sichtbares Maß. Die aktive Sonne wirkt ebenfalls auf unsere Atmosphäre unter Bildung der Nitrat-Ionen ein. Das Ziel der japanischen Wissenschaftler ist es nun für die letzten zweitausend Jahre eine Geschichte der Supernova-Ereignisse und des Sonnenaktivitätszyklus abzubilden. Analog der Geologie und Klimaforschung können dann auf diese Art sowohl die Zahl und Verteilung der Supernovae in unserer Galaxie, als auch das langfriste Verhalten unserer Sonne rekontruiert werden.

Das Studium der aktiven Sonne mit ihrem Zyklus begann erst mit der Entdeckung der Sonnenflecken durch Galileo Galilei. Mit den Untersuchungen der Japaner sehen wir nun noch weiter auf die Sonne zurück, als zum Jahre 1609.

Quelle: universe today und arXiv

Kein gewöhnliches Genie


Per Zufall bin ich gerade über eine sehr sehenswerte Dokumentation auf Youtube gestoßen. No Ordinary Genius erzählt aus dem Leben von Richard Feynman (1918-1988). Der US-amerikanische Physiker und Nobelpreisträger von 1965 galt nicht nur als begnadeter Physiker, sondern ist bis heute eine moderne Ikone für unabhängiges und unkonventionelles Denken - jemand, der sich in keine Schublade stecken lässt und Zeit seines Lebens immer auf der Suche nach Dingen war, von denen er etwas lernen kann. Seine Begeisterung für die Physik steckte seine Studenten an, so dass seine "Feynman Lectures in Physics" zweifelsohne als erfolgreichstes Physik-Lehrbuch der Moderne bezeichnet werden kann.

Diese Feynman-Vorlesungen muss man nicht unbedingt kennen, denn inzwischen gibt es durchaus auch andere gut geschriebene Physik-Lehrbücher, doch seine anekdotischen Autobiographien "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!" und "Kümmert Sie was andere Leute denken?" sind gerade für angehende Naturwissenschaftler sehr zu empfehlen. Beide Bücher bilden einen Selbstdenker-Kommentar aus einer spannenden Zeit, die noch heute zu uns ausstrahlt: Richard Feynman arbeitet am Manhatten-Projekt, also dem Bau der ersten Atombome mit, er wirkt im Umfeld der großen Theoretischen Physiker und leistet selbst wesentliche Beiträge (Stichwort: Quantenelektrodynamik), er erlebt die geistige Befreiung der Sechziger, die Hippie- und New-Age-Zeit an der Westküste Amerikas und arbeitet zuletzt in der Untersuchungskommission zum Challenger-Unglück. So verschieden diese Felder auch sind, das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit gibt Richard Feynman halt - "Er benutzte immer sein Gehirn, um sich zu schützen", wie seine Schwester am Ende der Dokumentation No Ordinary Genius sagt. Dieser Schutz erlaubt es ihm, verschiedene Aspekte des Seins zu erkunden und sich selber doch stets treu zu sein und das ist, was man als Leser aus diesen beiden Büchern ziehen kann.



Die sehenswerte Dokumentation No Ordinary Genius habe ich komplett in den Lichtecho-Player unten auf dieser Seite eingestellt.

Richard Feynmans "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!" und "Kümmert Sie was andere Leute denken?" gehören in jedes Bücherregal. Es hilft dabei der freundliche Buchhändler um die Ecke oder amazon hier und hier.

Wir sind alle Marsianer

(Credit: The Planetary Society)

"Männer sind vom Mars, Fauen von der Venus", so der Titel eines Bestsellers über den kleinen großen Unterschied. Geht es nach dem Planetenwissenschaftler Jay Melosh von der University of Arizona in Tucson stammen wir alle, egal ob Mann oder Frau vom Mars. Genau genommen unsere einzelligen Vorfahren, denn, so Jay Melosh: "Der Austausch biologischen Materials zwischen den Planeten des Sonnensystems ist nicht nur möglich, sondern unausweichlich. [...] Leben könnte auf dem Mars entstanden sein und zur Erde gelangt sein." Als Vehikel hierfür dienen Meteoriten. Schlagen sie auf dem Mars ein, schleudern sie felsgroße Marsbrocken mit einer so hohen Geschwindigkeit fort, dass die Felsbrocken den Mars verlassen können. Auf ihrer Reise ins Innere des Sonnensystems könnten sie dann auf die Erde stürzen. Umgekehrt ist dies wesentlich unwahrscheinlicher, da sich die Erde im Bezug zum Mars in einer Gravitationssenke befindet. Dass es solche "Marsmeteoriten" gibt, ist unbestritten, der berühmteste ist wohl ALH 84001 in dem Forscher Mikroben entdeckt zu haben glauben.
Die Frage ist, ob Mikroorganismen solch einen Einschlag auf dem Mars und die nachfolgende Reise überstehen können. Hier ist Jay Melosh optimistisch. Nach seinen Untersuchungen des Einschlagsmechanismus werden die Marsbrocken ziemlich unbeschadet vom Mars gestartet, da der Druck im Gestein dabei gering ist. Somit werden auch die Mikroorganismen nicht beim Start zerstört.
Die Bedingungen im Weltall selbst könnten für die Mikroben ebenfalls recht ungefährlich sein. Zwei beliebte Beispiele hierfür sind Mikroorganismen, die fast drei Jahre lang im Kameragehäuse der Mondsonde Surveyor 3 überlebten, bis sie von Apollo 12 geborgen wurden, sowie das Bakterium Dienococcus radiodurans, das hohe Strahlungsdosen verträgt und sogar in Kernkraftwerken siedelt.
Die Idee, dass das Leben vom Mars kommt, ist nicht neu. Sie ist aber auch nur schwer zu beweisen, denn selbst wenn Marsmikroben auf die Erde "regnen" können, ist damit noch nicht bewiesen, dass dies wirklich geschieht oder dass dies wirklich die Initialzündung für das Leben auf der Erde war. Das Problem der Lebensentstehung, der chemischen Evolution, ist damit auch nur verschoben. Unterhaltsam sind aber solche Spekulationen allemal.

Quelle: Pressemitteilung der University of Arizona

Raumschiff Enterprise fliegt zum Mars

Was die Fernsehserie nie verraten hat:

GoAnimate.com: Die Enterprise fliegt zum Mars

Eine größere Darstellung findet sich auf der Seite GoAnimate.

Das Universum aus der Kolumne


Wenn sich ein Journalist in eigener Kolumne regelmäßig der Astronomie widmet entsteht ein "Universum", so jedenfalls im Falle von Michael Odenwald. Er ist Wissenschaftsredakteur beim Nachrichtenmagazin Focus und betreut auf der Internetseite des Magazins seine Kolumne "Michael Odenwalds Universum". In ihr geht er grundlegenden Fragen aus Wissenschaft und Technik nach, die im Redaktionsalltag oft zu kurz kommen, zum Beispiel: "Was war vor dem Urknall?", "Wird es je eine Weltformel geben?", "Was ist Zeit?", aber auch handfestere Fragen, wie "Was will der Mensch im All?" oder "Beeinflusst der Mond den Menschen?".
Insgesamt 38 Beiträge seiner Kolumne hat Michael Odenwald zwischen zwei Buchdeckel gepresst, wobei die überwiegende Zahl sich mit Grundlagenfragen der Physik und Kosmologie beschäftigen. Da die Beiträge für das Buch nicht überarbeitet wurden, sind viele Informationen redundant. Im Vorwort bezeichnet der Autor dies zwar als Vorteil, doch finde ich es ermüdend, mehrmals von der Bedeutung einer möglichen Vereinigung der Quantentheorie mit der Gravitationstheorie zu lesen oder dass die Lichtgeschwindigkeit ein universelles Tempolimit darstellt, um mal zwei Beispiele des Immerwiederkehrenden rauszugreifen. Ein Vorteil ist allerdings, dass sich die Beiträge unabhängig voneinander lesen lassen und man sich so die interessantesten Fragestellungen nach Lust und Laune vornehmen kann.

Die Beiträge selbst sind kurz und knackig, schließlich lautet die hinlänglich bekannte Eigenwerbung des Magazins "Fakten! Fakten! Fakten!".

Dies erinnert mich an den Kommentar eines Bekannten, der mal sagte, er lese den Focus lieber als den Spiegel, weil ein typischer Focus-Artikel die Länge eines Stuhlgangs hat. Der typische Focus-Leser - berufstätiger Macher mit begrenzten Zeitbudget - findet eben nur auf dem stillen Örtchen mal die Muse zum lesen.

Mit den Fakten übertreibt es aber Michael Odenwald zuweilen. Beispielsweise präsentiert er in dem Kapitel "Im Universum regiert der Zufall - oder doch nicht?" eine erlesene Abfolge von Rettern der Determiniertheit in der Quantenmechanik - John Bell, Joy Christian, Gerard t'Hooft, Roger Penrose, Stephen Adler, David Bohm, Lee Smolin - auf acht Buchseiten. Das bedeutet also in etwa eine anspruchsvolle Idee pro Seite. Odenwalds Universum hat zuweilen eine sehr hohe Physikerdichte, worunter das Verständnis zu kollabieren droht.

Generell sind viele Beiträge von der Art aufgebaut, dass der Leser mit Wissenshäppchen aus dem Fundus des belesenen Physiker und Redakteur Michael Odenwald nur angefüttert wird - satt macht das Buch den Wissenshungrigen allerdings nicht.

Schöner zu lesen sind die Beiträge, in denen der Autor sich nicht von einem theoretischen Physiker zum nächsten hangelt, sondern kleine Geschichten erzählt. Zum Beispiel die Sache mit den Pioneer-Sonden. Diese beiden weitgereisten Raumsonden entfernen sich von unserem Sonnensystem langsamer als vermutet? Welche ominöse zusätzliche Kraft bremst sie ab? Immerhin war diese Frage für die britische Zeitschrift New Scientist eines der dreizehn wichtigsten Probleme der Wissenschaft. Worin des Rätsels Lösung besteht können Sie bei Michael Odenwald nachlesen. Eine ähnliche Perle moderner Wissenschaftsgeschichte ist sein Beitrag über die so genannte Kalte Fusion.

Michael Odenwalds Universum besteht aus vielen Appetitanregern, die Lust auf mehr machen. In der nicht unbedingt wissenschaftlich vorbelasteten Zielgruppe der Focus-Leserschaft macht er beste Werbung für die Naturwissenschaft. Er beschreibt sie als einen dynamischen Prozess, deren Aussagen immer vorläufiger Natur sind. Bei Michael Odenwald wird dies nicht zum Mangel, sondern zum Abenteuer. Dieser Geist durchweht alle seine Beiträge.

Bibliographische Angaben:
Odenwald, Michael "Michael Odenwalds Universum - Antworten auf die Rätsel des Alls" Erschienen 2008, 255 S., gebunden, Verlag: Herbig, ISBN: 9783776625813 Preis: € 17,95


Kollisionen im All


Kontemplativ könnte die Betrachtung des Sternenhimmels sein, wäre die Katastrophe nicht allgegenwärtig. "Kollisionen im All", so der Titel des derzeitigen Programms im Planetarium Mannheim, finden im Universum ständig und auf allen Größenskalen statt: Von Mikrometeroriten, die Sternschnuppen erzeugen, bis hin zu wechselwirkenden Galaxien.

Das Programm beginnt stimmungsvoll mit einer Zugfahrt in der transsibirischen Eisenbahn. Ein greller Lichtblitz, gefolgt von einem gewaltigen Donner veranlasst am 30. Juni 1908 eine Notbremsung. Der Lokführer befürchtete eine Explosion in seinem Zug. Leider beschreibt die Planetariumsshow dieses Ereignis nur und verzichtet auf Fotografien, die Jahre später gemacht wurden. Dies sei hier mit dem Bild nachgeholt.


Nach dieser Einführung projiziert der Planetariumsprojektor zunächst den aktuellen Sternenhimmel an die Kuppel und startet eine kleine himmlische Führung. Auch wenn man mir nun wirklich nicht mehr den Großen Wagen zeigen muss, genieße ich das doch jedesmal aufs Neue. Für mich ist diese Phase in jeder Planetariumsshow der eigentliche Höhepunkt: Man genießt den unverstellten Anblick auf den Himmel, der Zeremonienmeister markiert einzelne Ausschnitte daraus und erzählt was dazu unter Unterstützung von Dias, kleinen Animationen und Filmchen. Ich brauche dazu gar kein übergeordnetes Thema, der aktuelle Himmelsanblick liefert den Stoff.

Im Programm "Kollisionen im All" wird allerdings der rote Faden wieder aufgenommen. Meteoriten-Krater der Erde werden gezeigt und besonders auf den Asteroiden Apohis eingegangen. Für die Bedrohung durch Kometen steht eindrücklich der Sturz des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf den Jupiter im Jahre 1994. Die Abbildung ganz oben zeigt den in Bruchstücke fragmentierten Kometen vor dem Einschlag. In der Planetariumsshow werden zu diesem Ereignis schöne Videoaufnahmen gezeigt.

Der dokumentarische Höhepunkt der Show sind aber wechselwirkende Galaxien. Zunächst vermittelt das Programm, warum Galaxien viel eher kollidieren, als die Sterne in ihnen. Der mittlere Abstand der Galaxien voneinander ist gemessen im typischen Galaxiendurchmesser viel geringer, als der typische Abstand zweier Sterne gemessen in Sterndurchmessern. Ein Beispiel für ein Paar wechselwirkender Galaxien bilden auf dieser Aufnahme die so genannten Antennen-Galaxien NGC 4038 und NGC 4039.

Der Höhepunkt der Show besteht nun darin, dass eine Computer-Simulation wechselwirkender Galaxien mit Aufnahmen wie der oben überlagert werden. Zunächst handelt es sich ja um eine reine Hypothese, dass es überhaupt Galaxienkollisionen gibt. Diese Prozesse laufen schließlich so langsam, dass sie in ihrer Dynamik nicht verfolgt werden können. Geht man aber von dieser Hypothese aus, kann man sie im Computer modellieren. Was dabei auf dem Bildschirm entsteht findet sich dann auch in der Natur wieder - ein starkes Indiz für die Richtigkeit der Hypothese.

Eine besondere Galaxienkollision ist unsere eigene. In dem Programm "Kollisionen im All" wird auch eine Simulation gezeigt, wie die Verschmelzung unserer Milchstraße mit dem Andromeda-Nebel aussehen könnte, eine Verschmelzung zur neuen Galaxie Milkomeda. Hier kommt dann nochmal das Planetariumsprinzip zur Anwendung: Ich sehe das zarte Fleckchen am projizierten Sternenhimmel, sehe im Dia wie es im großen Teleskop aussieht und bekomme eine Geschichte erzählt. Leider wird der Anblick des Sternenhimmels für meinen Geschmack zu oft durch kuppelfüllende Animationen und Bilder unterbrochen. Hier geht der eigentliche Reiz des Planetariums verloren, denn diese Bilder und Filme kann ich mir auch auf dem flachen Bildschirm in einer Dokumentation anschauen. Dennoch möchte ich diese Show gerne empfehlen. Sie ist in ihrer Dramaturgie und in ihren Inhalten sehr sehenswert und noch den ganzen Februar hindurch zu sehen.

Auf dem Weg nach Hause riss die Wolkendecke zeitweilig auf und aus einem großen Loch schaute der Orion, blaß und kümmerlich. Es kann einen schon traurig stimmen, dass man ironischerweise in die Stadt gehen muss, um in einem der Astronomie geweihten Tempel einen Nachthimmel zu genießen.